Eine "Lebenslüge" auf Europas Bankenbaustelle

30. September 2014, 17:47
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Die Bankenunion soll pünktlich starten, Sabine Lautenschläger, Direktoriumsmitglied der EZB, schürt hohe Erwartungen

Wien - Auf der europäischen Baustelle der Bankenunion lärmt es gewaltig. Ab 4. November übernimmt die Europäische Zentralbank die Aufsicht über die 120 größten Bankengruppen des Euroraums. Aktuell nehmen rund 6000 Aufseher und externe Wirtschaftsprüfer europaweit Kreditakten unter die Lupe, dieser Tage erhalten die Banken eine erste Zwischenbilanz der Prüfung. Der Gesundheitscheck im Rahmen des einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM) war am Dienstag auch bestimmendes Thema der Aufsichtskonferenz der heimischen Finanzbehörde FMA.

Dabei gab Sabine Lautenschläger, deutsches Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank und Vize-Vorsitzende des SSM, die Richtung für die Aufsicht vor - und formulierte hehre Ziele: "Eine europäische Aufsicht wird Risiken frühzeitig erkennen", sagte sie selbstbewusst. Die Zusammenarbeit funktioniere, die neue Aufsicht mit knapp 1000 Mitarbeitern werde schlagkräftig sein. Auch außerhalb der eigentlichen Kernkompetenz, der Aufsicht über Europas große Bankengruppen, will Lautenschläger genau prüfen. Auch kleine, miteinander verbundene Institute wie die Sparkassen, die in Österreich und Deutschland besonders verbreitet sind, habe man im Auge.

Doch auch die gemeinsame Aufsicht löse nicht alle Probleme, kritisiert Martin Hellwig, renommierter Ökonom am Max-Planck-Institut. Er bezeichnet es als "Lebenslüge, dass Banken künftig ohne Steuergeld gerettet werden können". So gebe es zur Abwicklung maroder Banken offene Fragen, etwa zur Brückenfinanzierung der Geldinstitute.

Zudem scheitere das europäische Aufsichtskonstrukt an der gesteckten Hauptaufgabe, die 2011 formuliert wurde, meinte Hellwig im Gespräch mit dem STANDARD. Die Bankenunion solle den "Teufelskreis" zwischen Banken und Staaten aufbrechen. Fallende Anleihenkurse in Griechenland oder Italien hatten die dortigen Banken in Schieflage gebracht. "Doch der Nexus wurde nur etwas abgeschwächt, der Abwicklungsmechanismus bleibt nicht tragfähig", kritisiert Hellwig.

In Frankfurt liegt der Fokus aktuell woanders. Die Ergebnisse von Bankenprüfung und Stresstest sollen in der zweiten Oktoberhälfte veröffentlicht werden, der 26. Oktober wird oft genannt. Klaus Kumpfmüller, Vorstandsmitglied der FMA, bezeichnet den Test als "strengste Prüfung, die Europas Banken je zu absolvieren hatten". In Österreich gilt die ÖVAG laut STANDARD-Informationen als Wackelkandidat beim Stresstest. Besondere Kritik hatten heimische Banker an den heftigen Szenarios für Osteuropa im Stresstest geäußert, die etwa eine drastische Abwertung von Währungen simulieren.

Insgesamt, betont man bei der EZB und der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), seien Europas Banken aber auf gutem Weg. Es werde wohl Banken geben, die scheitern. Doch laut EBA-Chef Andrea Enria sei Europa daher in einer "viel besseren Position". Die zwanzig größten Banken in den USA und der EU hatten Ende 2008, also vor Ausbruch der Finanzkrise, etwa gleich viel Kapital. Inzwischen haben die US-Institute ihr Kapital um 36 Prozent aufgestockt, die EU-Banken aber um 45 Prozent. (sulu, DER STANDARD, 1.10.2014)

  • Die EZB ist ab 4. November oberste Bankenaufseherin Europas. Bis dahin durchlaufen alle Geldhäuser eine intensive Prüfung.
    foto: reuters/die ezb ist ab 4. november oberste bankenaufseherin europas. bis dahin durchlaufen alle geldhäuser eine intensive prüfung.

    Die EZB ist ab 4. November oberste Bankenaufseherin Europas. Bis dahin durchlaufen alle Geldhäuser eine intensive Prüfung.

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