Frühe Bildung als anspruchsvollste Pädagogik

Kommentar der anderen30. September 2014, 17:09
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Auch die Kleinsten haben bestmöglich geschulte Erzieher und Pädagogen verdient. Österreich darf nicht hinter den in beinahe ganz Europa erprobten Modellen der kindergartenpädagogischen Ausbildung an Hochschulen und Universitäten zurückbleiben

Auf die Äußerungen von Familienministerin Sophie Karmasin, dass Kindergartenpädagogen weiterhin auf schulischer Ebene einer BHS (in Bakips, Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik) ausgebildet werden sollten, kann man aus fachlicher Sicht nur mit Kopfschütteln reagieren. In ganz Europa werden Fachkräfte für frühe Bildung und Erziehung mittlerweile an Hochschulen oder Universitäten ausgebildet, in Deutschland gibt es mehr als 60 hochschulische Studienangebote - lediglich Österreich, Malta und die Slowakei bilden hierzu antiquierterweise im schulischen Bereich aus, und dies schon ab einem Alter von 14 bis 15 Jahren.

Allein dieses frühe Einstiegsalter in eine Ausbildung wirft massive Probleme auf: Warum sollen Fachkräfte für den fachlich anspruchsvollsten Bereich der Pädagogik ausgerechnet mitten in der Pubertät und auf einem vergleichsweise niedrigeren Niveau als alle anderen pädagogischen Berufe ausgebildet werden? Dies ist einem veralteten Bild von Kindergartenpädagogik geschuldet, demgemäß hauptsächlich junge Frauen diesen Beruf - als Verwahrungs- und Betreuungsleistung - wählen. Heute aber ist der Kindergarten eine moderne Bildungseinrichtung, die im psychosozialen wie pädagogischen Bereich höchste Ansprüche stellt.

Auch wirken die Bakips insgesamt an dem in Zukunft stark ansteigenden Bedarf an Fachkräften vorbei: Rund 60 Prozent der weiblichen und gar mehr als 80 Prozent der wenigen männlichen Absolventen gehen nämlich nicht in den Beruf, sondern studieren weiter. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand seinen erlernten Beruf auch wirklich aufnimmt, nach einem anspruchsvollen Studium wesentlich höher einzuschätzen. Auch der eklatante Mangel an männlichen Fachkräften hat mit der traditionellen und veralteten schulischen Ausbildung hierzulande zu tun.

Freilich bedarf es intensiver Anstrengungen an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten, diesen Aufgaben - vor allem in puncto Praxisorientierung - gerecht zu werden. Mein Hintergedanke dabei ist offengestanden, dass es auch den immer mehr zu bürokratischen und verschulten Instanzen verkommenden Unis gut täte, sich einmal mit den Kleinsten in der Gesellschaft, ihren Anliegen und Entwicklungsbedürfnissen zu befassen. Man stelle sich einen hohen Rektorsbesuch im "Übungskindergarten" der Uni XY vor - wie würde die Rede da wohl angelegt? Erfrischend! Zudem bedarf es hier von Uniseite kooperativer Modelle und entsprechender Qualifizierungsbemühungen mit den bisherigen Bakip-Praxis-/Didaktik-Fachkräften, deren berufspraktischen Kompetenzen auf Augenhöhe zu begegnen ist und die für den Studienbetrieb unerlässlich sein werden.

Nicht nur die Führungskräfte also, wie Ministerin Karmasin meint, sondern alle tragenden Fachkräfte dieser anspruchsvollen Bildungseinrichtung sollen so Schritt für Schritt in einer wissenschaftlich reflektierten Weise und praxisrelevant auf höchstem Niveau ausgebildet werden. Assistenz- und Hilfskräfte, denen auch die formalen Voraussetzungen für ein Studium fehlen, sollen weiterhin in außeruniversitären Fachakademien (als Nachfolgeeinrichtungen der Bakips) ausgebildet werden.

Kein Standard

Aus fachlicher Sicht sind deshalb die Aussagen zur Akademisierung der Elementarpädagogen von Wissenschafts-Staatssekretär Harald Mahrer massiv zu unterstützen, während die Sichtweise von Ministerin Karmasin in keiner Weise den internationalen fachlichen Standards entspricht und deshalb abzulehnen ist. (Josef Christian Aigner, DER STANDARD, 1.10.2014)

Josef Christian Aigner (60) ist Psychoanalytiker und Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

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