"Bild"-Herausgeber Diekmann: "Journalismus hängt nicht am Papier"

30. September 2014, 16:26
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Neue Medienwelt müsse sich in den Unternehmensstrukturen widerspiegeln - Über Social Media: "Müssen diese Bühnen erfolgreich bespielen"

Wien - "Ich komme als Optimist": Kai Diekmann, Herausgeber der "Bild"-Gruppe und seit seinem einjährigen Aufenthalt im Silicon Valley mit Rauschebart unterwegs, kann der digitalen Revolution durchaus Positives abgewinnen. Wenn sich das Papier der Tageszeitung "in Bits und Bytes" auflöst, gelte es, die Nachrichten auf anderem Weg zum Konsumenten zu bringen. Möglichkeiten gebe es dafür einige.

Diekmann, der am Dienstag auf Einladung der International Advertising Association (IAA) in Wien über das "Überleben im digitalen Zeitalter" predigte, sprach im Kern drei Entwicklungen an: "Mobile, Cloud Computing und die Entwicklung des Breitbands." In Kombination führe das dazu, "dass wir in Echtzeit eine Masse an Daten analysieren können, wie es nie zuvor möglich war". Statt die Wünsche der Konsumenten nur zu erahnen, würden sie sich vorhersagen lassen. "Daten sind das neue Öl."

Mobil überholt stationär

Die mobile Internetnutzung werde in den USA noch vor Ende des Jahres die stationäre überholen, weltweit soll es im kommenden Jahr soweit sein. An die Stelle "fixer Informationsrituale" wie Tageszeitung oder Fernsehen trete ein neues mediales Ökosystem, in dem die User von morgen sozialisiert werden. "Wir treffen dieses Publikum nicht mehr physisch am Kiosk. Also müssen wir dorthin, wo es aufwächst und sich aufhält: die sozialen Plattformen", unterstrich Diekmann. "Die virtuelle Welt ist für sie die reale."

Einen Einblick in das Tempo und das Leben der Start-up-Szene hat Diekmann zwischen 2012 und 2013 im kalifornischen Silicon Valley erhalten. Ein Jahr verbrachte er dort, lebte mit den Kollegen Peter Würtenberger und Martin Sinner in einer WG und lernte ein "anderes Verhältnis zur Technologie" kennen. Der "Dreiklang" aus der Universität Stanford, den angesiedelten Tech-Firmen sowie notwendigen Risiko-Kapitalgebern ermögliche es der dortigen Szene, neun der zehn erfolgreichsten Internet-Unternehmen der Welt zu stellen.

"Mindset der Mitarbeiter" verändern

"Das ist ein einzigartiges Ökosystem, das so auch nicht replizierbar ist", stellte Diekmann klar. Risiken würden "nicht als notwendiges Übel, sondern immer als große Chance verstanden" werden. Und: "Scheitern ist eine notwendige Voraussetzung für Erfolg." Diese Erkenntnisse hat er letztlich mit in die "Bild"-Gruppe genommen: flache Hierarchien, Risikobereitschaft, die Suche nach dem richtigen Personal. Ganz oben stand aber, "das Mindset der Mitarbeiter" zu verändern. "Wir müssen uns klar machen, dass wir nur dann überleben, wenn wir uns darauf einlassen."

Und schließlich ging es um "die Neuerfindung der Marke 'Bild'", wobei die Botschaft für die Kollegen gelautet habe: "Journalismus hängt nicht am Papier. Die digitale Welt bietet für uns ungeahnte Möglichkeiten. Wir können uns 360 Grad, 24 Stunden am Tag mitteilten und haben viel mehr Bühnen zur Verfügung." Werde etwa der Platz auf der eigenen Webseite zu knapp, könne man auf Facebook oder Twitter ausweichen. "Wir müssen diese Bühnen einfach erfolgreich bespielen."

230.000 zahlen für bild.de

Aus seiner Sicht sei gerade die Kombination aus Recherche, gutem Storytelling und technischen Tools ein zukunftsfähiges Konzept. Funktionieren könnte all dies allerdings nicht ohne das nötige Kleingeld. "Das bleibt die zentrale Frage hinsichtlich des Geschäftsmodells", bezog sich Diekmann auf Paid Content. Bei "Bild" fahre man mit den Digital-Abonnements gut und stehe derzeit bei mehr als 230.000 zahlenden Kunden - Tendenz steigend. "Es ist eine Frage der Ehre, dass wir für Inhalte Geld verlangen."

Die Papierform der "Bild" sei "nach wie vor hochprofitabel" und werde nicht so schnell wegbrechen. Aber die Konsumgewohnheiten hätten sich nun einmal verändert - selbst in der digitalen Welt. "Heute wird nicht mehr gesucht", bezog sich Diekmann auf die "stationäre Welt" von Google und Co. "Die Smartphone-Welt ist das Gegenteil davon, da gibt es geschlossene Ökosysteme." Den Konsumenten müsse man also gezielt erreichen. "Die junge Generation hat längst gelernt: Findet mich der Inhalt nicht, ist er auch nicht relevant für mich." (APA, 30.9.2014)

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