Straße: Für Kinder gilt kein Vertrauensgrundsatz

30. September 2014, 16:01
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Nur sechs von zehn Autolenkern bremsen am Schutzweg für Kinder ab. Im Vorjahr verunglückten 1.359 unter 14-Jährige

Wien - Seit 20 Jahren gilt in Österreich für Kinder der "unsichtbare Schutzweg": Seit dem 1. Oktober 1994 sind sie mit Paragraf 29a in der Straßenverkehrsordnung (StVO) vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen. Sie haben im Straßenverkehr also immer Vorrang. Doch allein im vergangenen Jahr verunglückten auf Österreichs Straßen 1.359 unter 14-Jährige, so das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV).

Diese Kinder waren als Fußgänger, Radfahrer oder mit ihren Spiel- und Sportgeräten unterwegs. Hinter einigen dieser Unfälle steckt laut KFV die Impulsivität von Kindern: Einem Ball hinterherlaufen, sich von der Hand der Mama losreißen, weil auf der anderen Straßenseite der Opa wartet, am Smartphone spielen - es gibt unzählige Auslöser für Kinder, um unerwartet auf die Straße zu springen. Die vorausschauende Gefahrenwahrnehmung bildet sich erst bis zum 14. Lebensjahr vollständig aus.

Unberechenbarkeit trifft Unberechenbarkeit

Seit 20 Jahren steht in der StVO: Kann ein Fahrzeuglenker erkennen, dass Kinder einzeln oder in Gruppen - auch wenn sie von Erwachsenen begleitet werden - die Fahrbahn überqueren oder überqueren wollen, muss er ihnen das unbehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn ermöglichen und anhalten. Also bereits dann, wenn die Kinder noch am Gehsteig stehen und über die Fahrbahn gehen wollen. "Die Unberechenbarkeit von Kindern trifft aber oft auf die Unberechenbarkeit von Lenkern", so Othmar Thann, Direktor des KFV in Bezug auf die geringe Anhaltebereitschaft von Autofahrern.

Denn selbst vor tatsächlich gekennzeichneten Schutzwegen (Zebrastreifen) gehen viele Fahrzeuglenker nicht vom Gas. Ein besonderer Konfliktherd ist der "ungeregelte" Schutzweg, also ein nur durch Zebrastreifen und Verkehrszeichen markierter Fußgängerübergang. Hier gilt ebenfalls seit 1. Oktober 1994: Ein Fußgänger hat prinzipiell Vorrang, wenn er sich auf einem Schutzweg befindet oder diesen erkennbar benutzen will.

Nur 59 Prozent bremsen für Kinder

Das KFV hat im Sommer 2013 die Anhaltebereitschaft von rund 4.300 Fahrzeuglenkern an 14 Schutzwegen in Wien, Niederösterreich, im Burgenland und in der Steiermark untersucht und kam zu dem ernüchternden Ergebnis: 67 Prozent der Fahrzeuglenker lassen Erwachsene sicher queren, nur 59 Prozent bleiben aber für Kinder stehen. "Kinder sind wegen ihrer Körpergröße schwerer wahrnehmbar und ihr Verhalten ist mitunter schwer zu interpretieren", so Thann. "Fakt ist aber auch, dass die Anhaltebereitschaft sinkt, je schneller ein Lenker unterwegs ist." Es gelte daher, die Geschwindigkeit verringern und bremsbereit fahren - vor allen Schutzwegen, auch vor den unsichtbaren, appellierte Thann. (APA, red, derStandard.at, 30.9.2014)

  • Warten auf Godot. Nur etwa jeder zweite österreichische Autofahrer bremst in dieser Situation ab.
    foto: apa

    Warten auf Godot. Nur etwa jeder zweite österreichische Autofahrer bremst in dieser Situation ab.

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