Johannes Pistrol, ein Gratwanderer mit dem Drahtesel

Porträt1. Oktober 2014, 10:28
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Der Mountainbike-Alpinist stürzt sich Berge hinunter, die Otto Normalverbraucher kaum zu Fuß bewältigen könnte

Wenn jemand sein Rad über Stunden auf einen Berg schleppt, um es in der Folge über derart steiles Gelände hinunterzumanövrieren, dass neugierigen Bergwanderern Horrorszenarien in den Kopf steigen, drängt sich eine Frage auf: Warum tut man sich das an?

Bei Johannes Pistrol, seines Zeichens Mountainbike-Alpinist, verhält sich das ziemlich ähnlich wie bei dem legendären Bergsteiger George Mallory: "Weil er da ist", sagte der 1924 am Mount Everest verunglückte englische Gipfelstürmer auf die Frage, warum er das Dach der Welt besteigen wolle.

foto: alexandra marschner

Natürlich weiß Pistrol, dass ein Vergleich mit einem der größten Alpinisten des vergangenen Jahrhunderts etwas anmaßend klingt, doch dieses Zitat kommt ihm immer wieder in den Sinn. Er könne nie den einfachsten Weg ins Tal nehmen, sein Bestreben sei es, immer wieder die Grenzen des Fahrbaren neu auszuloten. "Mich interessiert das Machbare, den Berg unter Einbeziehung aller Schlüsselstellen sicher mit dem Fahrrad zu bezwingen", sagt der Mödlinger im Gespräch mit dem STANDARD.

Angefangen hat der "Spaß" vor fünf, sechs Jahren mit ganz normalen Touren. Damals schon hat er probiert, Wege ohne Absteigen zu meistern, wo andere längst nicht mehr auf dem Rad sitzen würden. Dass er sich gerne in der Natur und am Berg aufhält, sei der sukzessiven Entwicklung seiner Leidenschaft zusätzlich förderlich gewesen.

Der diplomierte Bauingenieur bewegt sich nicht nur gerne in seiner Freizeit auf unsicherem Terrain, er ist der Erde und dem Stein auch als wissenschaftlicher Assistent des Instituts für Geotechnik an der TU Wien beruflich nahe, wenn es um Grundbau, Boden- und Felsmechanik geht.

foto: alexandra marschner

Wanderkarten, Bergführer und das Internet erleichtern die Wahl der Routen entscheidend, aber Pistrol schreckt auch nicht davor zurück, vor Ort die Berge zunächst zu Fuß zu erkunden. Fakt ist, "das Rad ist das Sportgerät, mit dem ich am liebsten unterwegs bin. Dabei geht es mir nicht nur um die Abfahrt, ich fahre auch extrem gern bergauf." Am liebsten würde er "ewig lange Forststraßen gemütlich bergaufkurbeln und auf der anderen Seite technische Trails hinunterfahren". Leider gebe es das aber selten, und wenn, dann nicht im hohen Schwierigkeitsbereich.

Das Risiko reizt Pistrol nicht, er ist auch nicht süchtig nach Adrenalinkicks, sondern ihn interessiert das "technische Radfahren". Mit der Zeit eigne man sich gewisse Fertigkeiten an, die ermöglichen, dass man in einen "Flow" kommt. "Dinge funktionieren einfach, ich sehe, wo ich hinunterfahren kann, alles klappt, und es ist sensationell, wenn ich mich dieser einen Tätigkeit widmen kann, und das gleichzeitig in der Natur draußen und am Berg."

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Ideale Trainingsbedingungen findet der MTB-Alpinist, der auch im Winter wegen der zusätzlichen Variable gerne auf zwei Rädern unterwegs ist, direkt vor seiner Haustüre im Wienerwald, wo er gemeinsam mit Freunden an der Fahrtechnik feilt. Zur Vermeidung folgenschwerer Stürze setzt man auf gegenseitige Sicherung. "Am Berg fahre ich nur Strecken, wo ich weiß, dass ich das kann und dass es funktioniert. So konnte ich bisher schlimme Stürze in extremem Gelände vermeiden." Wirklich brenzlige Situationen musste Pistrol bisher nur im gewöhnlichen Straßenverkehr meistern.

Dass seine liebste Freizeitbeschäftigung bei so manchem Wanderer, Förster und Jäger nicht immer auf Verständnis stößt, ist nicht verwunderlich, doch Pistrol sind mühsame Diskussionen bisher erspart geblieben. Auf derartigen Probleme traf er "interessanterweise eher in den Wiener Hausbergen. Je weiter man hinaufkommt, umso weniger begegnet einem Unverständnis. Das Erlebnis am Berg ist deutlich positiver, als man beispielsweise aus Reaktionen im Internet vermuten würde. Vielleicht habe ich aber auch nur Glück gehabt", sagt Pistrol, der von Sponsoren mit der nötigen Ausrüstung wie Fahrrad und Bekleidung versorgt wird.

foto: alexandra marschner

Ob ihn etwas wirklich Schräges, etwa den Mount Everest hinunterzufahren, auch reizen würde? "Das wäre wahrscheinlich zu viel. Etwas ganz Verrücktes will ich nicht machen. Ich habe aber schon eine sehr lange Abfahrt bewältigt, bin von der 4.500 Meter hohen Signalkuppe im Monte-Rosa-Gebiet über Gletscher hinuntergefahren. Das war etwas Außergewöhnliches." (Thomas Hirner, derStandard.at, 1.10.2014)

Video:

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Johannes Pistrol (28) wohnt in Mödling. Er studierte Bauingenieurwesen, ist als Universitätsassistent wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Wien und schreibt derzeit an seiner Dissertation.

Link: bikewithpassion

  • Johannes Pistrol bewegt sich leidenschaftlich gerne steile Bergpassagen hinunter, auf zwei Rädern wohlgemerkt.
    foto: alexandra marschner

    Johannes Pistrol bewegt sich leidenschaftlich gerne steile Bergpassagen hinunter, auf zwei Rädern wohlgemerkt.

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