Schweizer Design: Aber auch schön

Interview6. Oktober 2014, 16:47
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Die Produktkultur aus der Schweiz mit ihren Uhren, Taschenmessern und Aluflaschen ist weltberühmt - anlässlich zweier Ausstellungen in Wien und Zürich sprachen wir mit dem Schweizer Gestalter Jörg Boner, was das Design aus der Eidgenossenschaft ausmacht

STANDARD: Sind Sie gerne Schweizer?

Boner: Hin und wieder ja, dann wieder gar nicht. Also politisch gesehen überhaupt nicht. Geht es aber um Geschichte und Kultur, dann schon immer wieder sehr gerne.

STANDARD: Bleiben wir bei der Kultur. Gibt es so etwas wie "das" Schweizer Design?

Boner: Nicht in dem Sinne, wie man zum Beispiel von "skandinavischem Design" spricht. Die Schweiz wurde lange eher vom zweidimensionalen Design, also dem Grafikdesign dominiert, das auf der ganzen Welt bekannt ist. In Sachen Produktdesign verhält es sich ähnlich wie bei euch Österreichern.

STANDARD: Das Zürcher Museum für Gestaltung eröffnete vergangene Woche eine Ausstellung unter dem Titel "100 Jahre Schweizer Design". In einem Text dazu heißt es, Schweizer Design sei "ehrlich, präzise, unaufgeregt und benutzerfreundlich". Das klingt ein bisschen langweilig, finden Sie nicht?

Boner: Das klingt sogar sehr langweilig. Ich denke, Schweizer Gestalter sind oftmals ein Stück weit "Uhrmacher". Oftmals wird die technische Leistung höher als die gestalterische bewertet. Es funktioniert alles, das Produkt wurde dreimal geprüft, aber manchmal fehlt halt die Linie.

STANDARD: Hat sich in Zeiten der Globalisierung und des Internets der Begriff eines typischen "Nationaldesigns" nicht verwässert oder gar aufgelöst?

Boner: Ja und nein. Die Kultur, die ein Land bezüglich Objektgestaltung über lange Zeit geprägt hat, die wirkt schon nach. Durch die Globalisierung wird es natürlich definitiv einfacher, andere Kulturen zu "konsumieren".

STANDARD: Manche Dinge aus der Schweiz sind weltberühmt: Uhren, das Schweizer Messer, die Toblerone, die Sigg-Flasche, die Freitag-Taschen ...

Boner: Lassen Sie mich anhand des Schweizer Messers etwas zum "Nationaldesign" sagen. Wenn man unser Messer mit dem französischen Sackmesser von Opinel vergleicht, erfährt man viel über die beiden Länder. Das Schweizer Messer ist weniger schön, hat formal etwas fast Banales, ist aber technisch einwandfrei. Das französische Messer funktioniert natürlich auch, ist aber nicht so präzise gearbeitet und gleichzeitig viel schöner gezeichnet. Das Schweizer Messer ist eher eine Ingenieursleistung und erzählt viel über das Land.

STANDARD: Wie ausgeprägt ist Ihr Wunsch, so eine Schweizer Ikone zu schaffen?

Boner: Nicht besonders. Eine Ikone zu entwerfen ist natürlich etwas, das man sich als Designer wünscht, aber die muss nicht mit der Schweiz assoziiert werden.

STANDARD: Welche Bedeutung hat der Slogan "Swiss made" für Sie?

Boner: Im Unterbewusstsein ist einem wohl klar, dass man als Schweizer Gestalter mit Qualität in Verbindung gebracht wird. Das ist schon auch Teil der Kultur.

STANDARD: Apropos "Swiss made". Was halten Sie vom Design der Schweizer Fahne?

Boner: Da hab ich noch nie drüber nachgedacht. Auf jeden Fall fällt mir bei der Fahne sofort wieder unsere große Tradition in Sachen Grafikdesign und Typografie ein.

STANDARD: Auch im Wiener Designforum ist derzeit eine Ausstellung mit Schweizer Design zu sehen. Thematisiert wird die Frage nach Unterschieden, Schnittstellen und Synergien im Designschaffen der Nachbarländer Österreich und Schweiz. Gibt es die?

Boner: Ich bin skeptisch, wenn Institutionen solche Themen beschreiben. Klar gibt es Schnittstellen, aber die sehe ich sehr persönlich, zum Beispiel darin, dass ich im Rahmen eines Auftrags die Familie Wittmann und ihr Unternehmen sehr gut kennengelernt habe. Solche Dinge sind spannend. Ansonsten ist mir die Fragestellung zu abstrakt.

STANDARD: In Wien fällt auf, dass vor allem Traditionsunternehmen mit jungen Designern zusammenarbeiten. Gibt es dieses Verhältnis von altehrwürdig und jung-spritzig in der Schweiz auch?

Boner: Leider haben wir so etwas in der Schweiz nicht. Diesbezüglich schaue ich wirklich neidisch nach Österreich. Da habt ihr wirklich etwas Gutes hingekriegt. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 3.10.2014)

Ausstellungen:

"Schweiz + Österreich = Design" im Designforum Wien, Museumsquartier; bis 19. 10.
www.designforum.at

"100 Jahre Schweizer Design" im Museum für Gestaltung, Zürich; bis 8. 2. 2015
www.museum-gestaltung.ch

  • Gar nicht zu verstecken braucht sich Jörg Boner für sein Design, zum Beispiel seinen Sessel Wogg 42.
    foto: milo keller

    Gar nicht zu verstecken braucht sich Jörg Boner für sein Design, zum Beispiel seinen Sessel Wogg 42.

  • Jörg Boner (Jg. 1968) absolvierte eine Ausbildung als Tischler und studierte in Basel Produktdesign und Innenarchitektur. Er wurde für zahlreiche Entwürfe ausgezeichnet, seine Kunden heißen u. a. COR, Nestlé, Wogg, Veuve Cliquot, Classicon oder Nils Holger Moormann. Seit 2002 unterrichtet Boner an der renommierten École cantonale d'art in Lausanne.
www.joergboner.ch
    foto: julien gallico

    Jörg Boner (Jg. 1968) absolvierte eine Ausbildung als Tischler und studierte in Basel Produktdesign und Innenarchitektur. Er wurde für zahlreiche Entwürfe ausgezeichnet, seine Kunden heißen u. a. COR, Nestlé, Wogg, Veuve Cliquot, Classicon oder Nils Holger Moormann. Seit 2002 unterrichtet Boner an der renommierten École cantonale d'art in Lausanne.

    www.joergboner.ch

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