Das Monster im Monarchen

Interview30. September 2014, 17:34
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Der Regisseur Kasper Holten inszeniert am Sonntag an der Wiener Staatsoper Mozarts "Idomeneo". Dabei konzentriert er sich auf die aktuellen Aspekte der Geschichte - also Krieg und Machtversessenheit

STANDARD: Sie meinten unlängst, es sei für Sie wichtig, zu wissen, dass Ihre Arbeit nicht das Wichtigste sei, sondern dass es auch eine Welt da draußen gebe. Eine gesunde Einstellung für einen Regisseur?

Holten: Na ja, ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern. Man fühlt sich ab und zu als Regisseur in einem Theater wie ein allmächtiger Gott, der eine Welt erschafft. Das ist schön und wichtig, aber man vergisst da manchmal die Realität. Aber wir machen Theater über die Welt - und nicht umgekehrt. Deshalb ist es für mich auch eine gute Ergänzung, Operndirektor zu sein. Da muss man sich mehr um die Gesellschaft kümmern und ist mit Dilemmas konfrontiert. Aber Gott sei Dank muss ich nicht wie Idomeneo meinen Sohn töten und bin kein König.

STANDARD: Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen der Welt auf der Bühne und der Realität?

Holten: Ich denke nicht, dass man unbedingt im Theater die Welt da draußen eins zu eins erkennen muss. Ich habe oftmals in einer Inszenierung eine Oper ins Heute übertragen und werde das sicher wieder machen. Aber ich finde, dass auch der Mythos und das Abenteuer Ansätze für die Zuschauer sein können, nachzudenken und nachzufühlen. Das Risiko in der Oper ist immer, dass man sich zurücklehnt, nur die schöne Musik hört und darüber vergisst, dass manchmal die schönsten Arien über etwas Furchtbares gesungen werden.

STANDARD: Wie zeigen Sie das?

Holten: Es ist eigentlich überraschend, wenn man Oper macht, wie wenig sich Menschen verändern. Trotz aller Technologie und Globalisierung erkennen wir uns in einer Mozart-Oper so gut, weil die Grundthemen immer noch dieselben sind. Es ist manchmal schwierig, mit dem zu konkurrieren, was in der Welt geschieht. Kann Kunst immer so relevant und spannend sein wie das wirkliche Leben? Meine Aufgabe ist aber nicht, Antworten zu geben, sondern - mit einem Klischee gesagt - Fragen zu stellen. Aber auch, auf der Bühne die Möglichkeit persönlicher Verantwortung aufzuzeigen - inmitten einer chaotischen Welt.

STANDARD: Fragen, die Sie ans Stück stellen?

Holten: In Idomeneo ist etwa sehr viel von Neptun und einem Seemonster die Rede. Wenn man das eins zu eins auf die Bühne bringt, schafft das keine Identifikation. Ich zeige dieses Monster als einen kranken König, der die Macht nicht lassen kann, der versucht, durch Gewalt ein Land zusammenzuhalten. Im dritten Akt hören wir, wie das Volk unter diesem Monster leidet. Bei uns könnte das ein Bürgerkrieg sein oder eine andere Katastrophe. Das kann man dann auf der Bühne übersetzen. Bei uns sieht man einen Mythos, der aber weniger auf den Göttern und dem Schicksal basiert, sondern auf der Wahl, die von Menschen getroffen wird. Darin können wir uns erkennen.

STANDARD: Ist das ein Versuch, die archaische Welt mit psychoanalytischen Mitteln zu deuten? Sie verändern dadurch das Stück ziemlich stark.

Holten: Das könnte man sagen. Auch in archaischen Zeiten waren Menschen Menschen, die sicher von Liebe und Eifersucht bewegt waren. Wir deuten das Stück, das ist schon klar. Weniger vielleicht aus der Sicht der Aufklärung, sondern aus der Zeit der großen Kriege und aus der Perspektive der Desaster, die wir erlebt haben. Es gibt keine Helden und keine Bösewichte, sondern alle sind Getriebene und machen Fehler.

STANDARD: Dann kann es wohl auch kein Lieto Fine, kein Happy End geben?

Holten: An ein schönes, einfaches Ende zu glauben, ist heute unmöglich. Wir können nur an die Möglichkeit glauben, dass Menschen richtige Entscheidungen treffen.

STANDARD: Heißt Interpretation für Sie auch, ein Stück zu zerstören, um es zu retten?

Holten: Dieses Wort finde ich zu stark. Ich glaube, wenn man nicht an ein Stück glaubt, sollte man es nicht machen. Aber wenn man die Musik von Mozart hört, spürt man schon ein enormes Potenzial. Das Stück spricht viele aktuelle Themen an, doch natürlich stammt das Libretto aus der Opera seria, und außerdem war es ein Work in Progress: Es gibt keine endgültige Fassung, und daher muss man eine Wahl treffen. Das heißt für mich nicht, das Stück zu zerstören, aber die Form infrage zu stellen. Wir können die Kommunikation, die bei der Uraufführung zwischen Publikum und Bühne stattfand, nicht wieder herstellen, sondern müssen eine neue Kommunikation für die Gegenwart finden. Dabei kann man sich nur auf die eigene Intuition verlassen. (Daniel Ender, DER STANDARD, 1.10.2014)

Kasper Holten, geboren 1973, war ab 2000 als künstlerischer Leiter der Oper Kopenhagen jüngster Direktor eines europäischen Musiktheaterhauses. Seit 2011 steht er an der Spitze der Covent Garden Opera in London.

  • Der dänische Regisseur Kasper Holten zu Mozarts Oper "Idomeneo": "Ich zeige dieses Monster als einen kranken König, der die Macht nicht lassen kann."
    foto: apa/roland schlager

    Der dänische Regisseur Kasper Holten zu Mozarts Oper "Idomeneo": "Ich zeige dieses Monster als einen kranken König, der die Macht nicht lassen kann."

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