"Problemhaus": Wien findet keine Lösung

1. Oktober 2014, 05:30
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Zinshaus in Gebrüder-Lang-Gasse sorgt weiterhin für Unmut

Wien - Schwerpunktaktionen wolle man durchführen - also auch weiterhin unangemeldet mit Bau- und Finanzpolizei, Gesundheits- und Ordnungsamt auftauchen, um die Situation im sogenannten "Problemhaus" in der Gebrüder-Lang-Gasse im 15. Bezirk zu überprüfen. Dabei sollen Missstände aufgedeckt und angezeigt werden, dem Hauseigentümer, der unter Spekulationsverdacht steht, Aufträge zur Müllbeseitigung und zu Reparaturen erteilt werden.

Bei einer Informationsveranstaltung am Montagabend versucht der Bezirksvorsteher des 15. Bezirks, Gerhard Zatlokal (SPÖ), das Engagement der Behörden unter Beweis zu stellen. Bei den Anrainern - etwa 30 sind gekommen - sorgt das für Unmut. "Die wollen uns für blöd verkaufen." Die Behörden würden sich für das Thema eigentlich gar nicht interessieren, sagt etwa Ulrike F. Die Anrainer sind ungeduldig. Verzweiflung macht sich breit. Sie wollen endlich eine Lösung, und das möglichst schnell. Doch das kann die Stadt nicht bieten.

Lärm und Müll

Seit etwa vier Jahren fühlen sich die Anrainer belästigt. Damals übernahm ein neuer Eigentümer das Haus, das sogleich wegen des Mordes an einer 22-jährigen Prostituierten in die Schlagzeile geriet. Die Anrainer berichten seitdem von Lärm, Müll und Schädlingsbefall, von Kleintransportern, die die Straße zuparken, von Schrott- und Altwarenlieferungen, die auf der Straße ausgebreitet und zerlegt werden.

Dutzende Menschen sollen in den fünf Wohnungen des zweistöckigen Zinshauses wohnen. Die genaue Anzahl ist nicht eruierbar: Die Leute kommen und gehen, nur einige wenige sind dort gemeldet.

Wo sollen wir hin?

M. aus Bulgarien, einer der wenigen Hauptmieter, will nicht viel über die Mietverhältnisse verraten. Er zahle angeblich 550 Euro monatlich für die rund 130 Quadratmeter große Wohnung. Etwa 15 Menschen - darunter seine zwei Kinder (vier Monate und fünf Jahre) - teilen sich die drei großen Zimmer mit den vielen Betten, die Toilette und das geräumige Bad. Das Innere der Wohnung wirkt im Gegensatz zum baufälligen Stiegenhaus gepflegt: Laminatböden, bunte Fliesen, gebrauchte Möbel, Secondhand-Leintücher. Ob es nicht unangenehm sei, mit so vielen Menschen auf engem Raum zu wohnen: "Der Platz reicht", sagt M., und es sei ihm lieber, wenn die Leute bei ihm übernachten als auf der Straße. Die negative Berichterstattung über das Haus macht M. Sorgen. Er wisse, dass man sie loswerden wolle, aber "wo sollen wir hin", fragt er im Gespräch mit dem STANDARD.

Eigentümer treffen

Bezirksvorsteher Zatlokal will den Bewohnern des Hauses nicht die Schuld für die Situation geben. "Das sind Mietopfer", sagt er. Es müsse den Hauptverursacher, also den Eigentümer des Hauses treffen, der die früheren Mieter hinausgeekelt haben soll und nun laut Medienberichten überhöhte "Wuchermieten" verlange oder sogar Matratzen tageweise vermiete.

Der Eigentümer hüllt sich aber in Schweigen, reagiert weder auf Kontaktversuche der Medien noch auf die Einladung zur Informationsveranstaltung. Jürgen J., der auch eine Firma für Gebäudereinigung und Altwarenentsorgung im sechsten Bezirk führt, habe Ausnahmegenehmigungen für einen Stockwerksaufbau beantragt und wolle das Haus abreißen lassen, sagt Zatlokal. Zustimmen werde der Bezirk dem aber nicht. Zatlokal vertraue J.s Plänen nicht - schon zu oft habe dieser versucht, die Behörden zum Narren zu halten.

In städtischem Eigentum

Stattdessen hofft der Bezirksvorsteher, dass das Haus irgendwann in städtisches Eigentum übergehen könnte - nämlich dann, wenn J. die Rechnungen für die von der Stadt erfolgten baulichen Maßnahmen und Müllbeseitigungen nicht mehr begleicht und sie von der Stadt Wien - also vom Steuerzahler - bezahlt werden müssen.

Viele Möglichkeiten bleiben den Behörden darüber hinaus nicht. Könnte man dem Hauseigentümer die gewerbliche Nutzung der Räumlichkeiten ohne Genehmigung nachweisen (durch die Bereitstellung von Leintüchern und Geschirr zum Beispiel), wäre das ein Grund für die Schließung. Ansonsten könne man nur versuchen, Jürgen J. mit Rechnungen und Ordnungsstrafen "auf die Nerven zu gehen". All das könnte sich allerdings über Jahre hinziehen.

Was sich die Anrainer wünschen? Eine der Größe des Zinshauses angemessene Bewohnerzahl - denn Lärm und Müllberge entstünden in erster Linie durch die große Ansammlung an Menschen, sagt Birgit M., die gegenüber dem betreffenden Haus wohnt.

Auf der Straße solle deswegen niemand landen. Auch Zatlokal versichert, dass den Bewohnern im Falle des Falles Ersatzquartiere zur Verfügung gestellt würden.

Helfen statt Loswerden

Birgit Hebein, Sozialsprecherin der Wiener Grünen, kritisiert, dass ein "Brückenschlag zwischen den Betroffenen fehlt". Sozialarbeiter müssten die Bewohner solcher Massenquartiere (etwa 30 soll es in Wien geben) betreuen, bei Behördenwegen und bei der Vermittlung zwischen ihnen, der Polizei und den Anrainern unterstützen. Stattdessen schwebe immer nur eine Frage über der Thematik: "Wie wird man diese Leute los?" (Christa Minkin, derStandard.at, 30.9.2014)

  • Ein Zinshaus im 15. Bezirk sorgt für Unmut und Kritik.
    foto: www.corn.at/heribert corn

    Ein Zinshaus im 15. Bezirk sorgt für Unmut und Kritik.

  • Den Bewohnern wird unter anderem Lärmbelästigung vorgeworfen.
    foto: www.corn.at/heribert corn

    Den Bewohnern wird unter anderem Lärmbelästigung vorgeworfen.

  • Das Stiegenhaus ist verfallen, die Wohnungen sind jedoch gepflegt.
    foto: www.corn.at/heribert corn

    Das Stiegenhaus ist verfallen, die Wohnungen sind jedoch gepflegt.

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