Hongkong: Proteste stellen chinesische Zensur auf die Probe

1. Oktober 2014, 11:43
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Rekordzahl an gelöschten Postings am Festland, doch Hongkong selbst ist außerhalb der "Great Firewall"

Die massiven Proteste in Hongkong stellen den chinesischen Internet-Zensurapparat vor große Probleme. Die tausenden Internetpolizisten, die mithilfe der "Großen Firewall" politisch nicht genehme Nachrichten von Außerhalb abschirmen sollen, haben am vergangenen Wochenende einen neuen Rekord an gelöschten Beiträgen aufgestellt. So soll jede Nachricht, in der die "Regenschirm-Proteste" erwähnt werden, automatisch entfernt worden sein.

Proteste über Internet organisiert

Mit den Demonstrationen, zu deren Symbol eben der Regenschirm geworden ist, will die Bevölkerung Hongkongs für freie Wahlen kämpfen und den Sonderstatus ihrer Stadt als quasi-demokratisch beibehalten. Die Proteste werden auch über das Internet organisiert, etwa über den Blog von "Occupy Central". Auch auf Twitter und Facebook machen Fotos und Videos der Demonstrationen die Runde.

Als Resultat dessen zeigt sich der Protest, obwohl er von vielen unterschiedlichen Gruppierungen getragen wird, gut organisiert und effizient. Ressourcen sind gut verteilt, die Demonstranten haben genügend Rückzugsareale und selbst für Sauberkeit wird mit koordinierten Reycling-Initiativen gesorgt.

Hongkong außerhalb der "Großen Firewall"

Möglich ist dies, da Hongkong als Folge der bei der Rückgabe an China durch Großbritannien vereinbarten "ein Land, zwei Systeme"-Lösung außerhalb der "Großen Firewall" angesiedelt ist. Dementsprechend sind die Zensurmöglichkeiten der Pekinger Regierung dort stark eingeschränkt. Mittlerweile sollen allerdings gezielte Hacker-Angriffe auf die Demonstranten erfolgen

Auf dem Festland ist Twitter selbst schon lange blockiert, seit den Protesten sind auch Instagram und Vine nicht mehr verfügbar. Auch bei traditionellen Medien zensiert China: Fernsehsender aus Hongkong sind im restlichen Land zwar empfangbar, die Nachrichten werden aber ausgeblendet.

Immer mehr nutzen "Firechat"

In Hongkong selbst organisieren sich die Protestierenden zusehends mittels des P2P-Chats "Firechat". Für die Kommunikation auf dieser App ist keine Internetverbindung nötig; es reicht, sich in einem 70 Meter Umkreis zum nächsten Chatpartner zu befinden. Am vergangenen Wochenende meldeten sich laut The Verge mehr als 100.000 neue Nutzer an, manche themenspezifische Chatrooms hatten über 33.000 Gäste.

Code4HK

Das Projekt Code4HK wiederum dient mittlerweile als ein Hub, der die verschiedenen Online-Kanäle des Protests übersichtlich verein, berichtet Tech in Asia. Die Gruppierung dahinter lehnt sich an Code for America an und will, so das Mission Statement vom Dezember 2013, als Reaktion auf die nach ihrer Meinung zu langsame Entwicklung des IT-Standortes Hongkong an einer "Tech-Revolution" mit arbeiten. Dabei will man auch zeigen, wie man mit moderner Technologie auch soziale Probleme lösen kann.

Livestreams, Nachrichten, Organisation

Die Plattform bindet Livestreams mehrerer TV-Sender zu den Protesten in Hongkong ein und zeigt auf einer Karte Standorte von Versorgungszentren und Rückzugsorten. Relevante Veranstaltungen und Hinweise - etwa zur lokalen Polizeipräsenz - finden sich in einem übersichtlichen Google Doc. Dort stehen auch Informationen darüber, wo und wann Leute zur Unterstützung oder Versorgungsgüter wie Wasser benötigt werden.

Eine mit TimeMapper realisierte, interaktive Timeline bietet beinahe in Echtzeit Links zu Nachrichtenartikeln und Facebookeinträgen. Da viele Inhalte sowohl auf Chinesisch, als auch in englischer Sprache verfasst sind, lassen sich die Proteste so auch für Außenstehende leichter nachverfolgen.

Gefälschte Apps im Umlauf

Auch der Anonymisierungsdienst Tor erlebte einen großen Anstieg an Nutzern aus Hongkong. Doch Vorsicht ist geboten: In Hongkong macht eine gefälschte Chat-App die Runde, die tatsächlich das Handy des Nutzers sperrt. Dahinter könnte der chinesische Geheimdienst stecken, so TheVerge. Laut Forbes sollen die Firechat-Betreiber bald Verschlüsselung anbieten, damit die Protestierenden besser vor dem Zugriff durch Behörden geschützt sind. (fsc/gpi, derStandard.at, 01.10.2014)

  • Mit ihren Smartphones protestieren tausende Bürger Hongkongs für freie Wahlen in ihrer Stadt
    foto: reuters/bobby yip

    Mit ihren Smartphones protestieren tausende Bürger Hongkongs für freie Wahlen in ihrer Stadt

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