Koalition greift IS-Stellungen bei Kobanê an - Türkei verlegt Panzer an syrische Grenze

30. September 2014, 11:55
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Türkisches Parlament berät über Beteiligung an Allianz gegen IS - Syrien wirft Washington Doppelmoral vor

New York / Damaskus - Die USA und ihre arabischen Verbündeten haben erneut Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordsyrien bombardiert. Das von den USA geführte Bündnis habe zwei Dörfer westlich und östlich der von der IS-Miliz eingekreisten Stadt Kobanê (Arabisch: Ayn al-Arab) angegriffen, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mit. Informationen über Opfer lagen vorerst nicht vor.

Hohe Kosten

Der Kampf gegen die IS-Miliz hat die USA bisher nahezu eine Milliarde Dollar (rund 800 Millionen Euro) gekostet. Das hat der US-Thinktank Center for Strategic and Budgetary Assessments in einer Analyse am Montag (Ortszeit) vorgerechnet. Wenn die Operation weitergehe, kämen die Ausgaben auf 2,4 bis 3,8 Milliarden Dollar.

Spekuliert wird aber bereits über einen wesentlich intensiveren Luftkrieg und zusätzliche Unterstützung für die Kämpfer am Boden. Damit könnten die Kosten auf 13 bis 22 Milliarden Dollar jährlich anwachsen. Bisher fliegt das US-Militär rund 60 Aufklärungsflüge pro Tag, auch sind noch rund 1.600 US-Soldaten am Boden im Einsatz. Unterstützt wird die USA dabei von mehreren arabischen und europäischen Partnern.

Panzer an die Grenze verlegt

Möglicherweise gehört auch die Türkei bald zur Allianz. Am Montag wurden bereits Panzer und gepanzerte Fahrzeuge in die Grenzstadt Mürsitpinar verlegt. Mürsitpinar liegt gegenüber von Kobanê, auf die die IS-Miliz vorrückt. Die Extremisten seien nur noch vier bis sieben Kilometer von dem Ort entfernt, sagte der Präsident der selbst ernannten Regionalregierung von Kobanê, Anwar Muslim, am Montag. Bei CNN war von drei Kilometern die Rede.

Zudem haben IS-Kämpfer einem Medienbericht zufolge ein von türkischen Soldaten bewachtes Mausoleum in Syrien umstellt. Die regierungsnahe Zeitung "Yeni Safak" berichtete am Dienstag unter Berufung auf arabische Stammesführer, rund 1.100 IS-Kämpfer hätten die 36 türkischen Soldaten am Vorabend eingekesselt.

Die türkische Regierung kündigte an, das Parlament noch in dieser Woche um grünes Licht für eine Beteiligung an den US-geführten Angriffen gegen die IS-Miliz zu bitten.

Kurswechsel

Solange die IS-Miliz dutzende türkische Staatsbürger in ihrer Gewalt hielt, verweigerte Ankara den USA ein militärisches Engagement im Kampf gegen die Extremisten. Nach der Freilassung der türkischen Geiseln hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Kurswechsel verkündet. "Wir können uns nicht raushalten und werden dort sein, wo wir gebraucht werden", sagte er.

Ein Antrag auf Zustimmung wird ab Dienstag im Parlament erwartet, für Donnerstag ist eine Debatte vorgesehen. Die Regierung hofft auf grünes Licht noch vor den muslimischen Feiertagen des Opferfests Eid al-Adha, die am Samstag beginnen. Erdogan, dem zunächst eine Tolerierung der sunnitischen Islamisten unterstellt worden war, warf der IS-Miliz am Montag "Wildheit und Gewalt" vor. Wer sich bei "Terrorakten" auf den Islam berufe, "verdreht die Wahrheit", sagte er in einer Rede in Istanbul. Der Islam sei "eine Religion des Friedens".

Aktivisten: 200 Kämpfer getötet

Nach Angaben von Aktivisten sind seit dem Beginn der US-geführten Offensive gegen die IS-Miliz in Syrien vor einer Woche bereits mehr als 200 Extremisten getötet worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bezifferte die Zahl der getöteten mutmaßlichen IS-Kämpfer in dem Bürgerkriegsland am Montag mit 211. Zudem seien bisher 22 Zivilisten getötet worden.

Den Angaben zufolge starben die mutmaßlichen Extremisten bei Angriffen der USA und ihrer Verbündeten in den Provinzen Aleppo, Deir Essor, Idlib, Hassaka und Raqqa. Die meisten von ihnen seien IS-Kämpfer gewesen, etwa 60 hätten der mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbündeten radikalislamischen Al-Nusra-Front angehört. Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen aus einem Netz von Aktivisten in Syrien. Die Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Doppelmoral

Syrien hat den USA indes "Doppelmoral" im Kampf gegen Terroristen vorgeworfen. Auf der einen Seite bekämpfe die Regierung in Washington Terrorgruppen wie die IS-Miliz. "Auf der anderen Seite unterstütze sie Gruppen mit Geld, Waffen und Ausbildung, die sie "moderat" nennen. "Das ist das Rezept für Gewalt und Terrorismus", sagte der syrische Außenminister Walid al-Muallem am Montag in New York.

Syrien hat alle oppositionellen Kräfte schon lange vor Beginn des Bürgerkriegs stets als Terroristen bezeichnet, selbst friedliche Demonstranten. Jetzt sagte Al-Muallem vor der UN-Vollversammlung, sein Land fühle sich bestätigt. "Wir haben seit dreieinhalb Jahren vor den Terroristen gewarnt." Sein Land sei bereit, am internationalen Kampf gegen den Terror teilzunehmen. "Aber das muss im vollen Respekt vor dem Leben Unschuldiger und in vollem Respekt der nationalen Souveränität geschehen."

Al-Muallem nannte die IS-Terrormiliz "ein Monster, das auf Irak, Syrien und Libanon losgelassen wurde". Sie sei die gefährlichste Terrororganisation, berücksichtige man ihre Finanzierung und ihre Brutalität. "Sie vergewaltigen, versklaven und verkaufen Mädchen, sie enthaupten Menschen - und die Welt steht tatenlos daneben." Der "Islamische Staat" werde sich nicht auf Syrien und den Irak beschränken. "Er wird sich überall ausbreiten, wenn er nicht gestoppt wird, zuerst in Europa und Amerika." (APA, 30.9.2014)

  • Die Türkei lässt Panzer an der türkischen Grenze auffahren. Im Laufe der Woche wird im Parlament darüber beraten, ob man sich an der Allianz gegen die IS-Miliz beteiligen soll.
    foto: ap photo/burhan ozbilici

    Die Türkei lässt Panzer an der türkischen Grenze auffahren. Im Laufe der Woche wird im Parlament darüber beraten, ob man sich an der Allianz gegen die IS-Miliz beteiligen soll.

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