Häupl macht Druck bei Asylthema: "Sind nicht die Deppen der Nation" 

29. September 2014, 18:10
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Turnsäle, eine frühere Zollwacheschule, ein Bordell - das Innenministerium ist froh über jede Unterkunft, die es für Flüchtlinge kriegen kann. Dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl reicht es schön langsam: "Wir sind nicht die Deppen der Nation ", sagt er.

Wien/Graz - Die Regierungsspitze hat die Landeshauptleute für heute, Dienstag, ins Kanzleramt geladen. Dabei wird es nicht nur, aber hauptsächlich um die Misere bei Flüchtlingsunterkünften gehen. Der Großteil der Bundesländer erfüllt die vereinbarten Quoten immer noch nicht. Wien hingegen hat schon weit mehr Asylwerberunterkünfte als gefordert und stellt aufgrund der akuten Platznot weitere zur Verfügung. "Aber wir sind - mit Verlaub gesagt - nicht die Deppen der Nation", betonte am Montag der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ).

In der ehemaligen Zollwacheschule in Wien-Erdberg sollen bis zu 350 Menschen ein Übergangsquartier finden. Die ersten 100 sollten Montagabend von Traiskirchen in die temporären Unterkünfte übersiedeln. Vorerst können sie dort vier Monate bleiben.

Ein weiteres Übergangsquartier für bis zu 250 Asylwerber im früheren Universitätssportinstitut in der Wiener Althanstraße soll kommende Woche bezugsbereit sein. Laut Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) ist die Überholung des Sanitärbereichs bereits am Laufen, wichtig sei auch eine räumliche Trennung zum anliegenden Kindergarten.

Im steirischen Weitendorf bei Graz ist mittlerweile auch das Laufhaus, das für Flüchtlinge als Herberge adaptiert worden wird, teilweise bezugsfertig. Ab Mittwoch sollen dort die ersten 20 Flüchtlinge untergebracht werden. "Wir haben die Zimmer, die rot angestrichen waren, mittlerweile weiß ausgemalt, es fehlen nur noch ein paar kleine Adaptierungen. Die ersten acht Zimmer sind aber schon fertig", sagt Renate K., die nun "umgesattelt" hat und statt des Laufhauses ein Flüchtlingsheim betreiben will.

"Nicht zumutbar"

Die Auseinandersetzung mit Bürgermeister Franz Plasser (ÖVP) scheint aber noch nicht ganz vom Tisch zu sein. Er hatte im Namen des Gemeinderats die Umwandlung des Bordells in ein Flüchtlingsheim abgelehnt. Plasser: "A Puff als Asylheim, das geht irgendwie net." Nach Gesprächen mit dem Flüchtlingsreferat der steirischen Landesregierung, das das Objekt als "sehr brauchbare Unterkunft" bewertete, hat der Bürgermeister nun doch seine grundsätzliche Bereitschaft zur Aufnahme von Asylsuchenden bekundet. "Mehr als 15 Flüchtlinge, also ein Prozent der Bewohner, sind unserer 1500-Einwohner-Gemeinde aber nicht zumutbar", sagte Plasser am Montag zum "Standard". Die tatsächliche Entscheidung darüber hat aber mittlerweile das Land an sich gezogen.

Das Innenministerium hat inzwischen in Polizeiturnsälen in Eisenstadt, Salzburg, Linz, Villach und Graz Notunterkünfte für Asylwerber geöffnet. Vor allem der Krieg in Syrien und der IS-Terror sorgen für größere Flüchtlingswellen in ganz Europa.

Kardinal Christoph Schönborn rief zu "verbaler Deeskalation" auf. Zur politischen Aufforderung, noch mehr Kircheneinrichtungen zu öffnen, wollte er sich nicht konkret äußern. (mue, simo, DER STANDARD, 30.9.2014)

  • Blick in den Komplex der früheren Zollwacheschule in Wien-Erdberg. Vorübergehend  sollen in den ungenutzten Räumlichkeiten bis zu 350 Flüchtlinge untergebracht  werden.
    foto: apa/fohringer

    Blick in den Komplex der früheren Zollwacheschule in Wien-Erdberg. Vorübergehend sollen in den ungenutzten Räumlichkeiten bis zu 350 Flüchtlinge untergebracht werden.

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