Warum Computerspiele keine Jihadisten hervorbringen

Userkommentar30. September 2014, 09:50
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Schade, dass die unnötige Debatte über Killerspiele wieder entflammt ist

Als ich am Sonntag mein Morgenritual damit begann, den WebStandard aufzurufen, sprang mir sofort eine Headline entgegen: "SPÖ-Sicherheitssprecher gibt Ego-Shootern Mitschuld an Jihadismus". Böses ahnend öffnete ich den Link und musste feststellen, dass jene Diskussion, die jetzt in Deutschland endlich größtenteils zum Erliegen gekommen ist, nun anscheinend bei uns entflammt. Die Debatte über die bösen Killerspiele.

Herr Pendl gibt in der Sendung "60 Minuten" auf ORF III Folgendes von sich: "Ich glaube, wenn wir uns die heutige Zeit Revue passieren lassen, wie die jugendlichen, heranwachsenden Menschen ihre Freizeit verbringen: In erster Linie in einer virtuellen Welt. Die sitzen jeder vor Standgeräten oder mobilen Geräten. Sie alle kennen die ganzen Spiele, die dort angeboten werden. Es ist eigentlich hier das Verständnis für Gut und Böse, was daraus entsteht bei diesen Spielen, total abhanden gekommen. Ich meine, hier muss man gravierend mit den Fachleuten, mit den Psychologen, Soziologen, Pädagogen sofort ansetzen, und natürlich auch über die Gesetzgebung. Es kann doch nicht sein, dass Kinder, die nicht wissen, was sie in Wirklichkeit hier machen, vor dem Computer Flieger abschießen, Panzer abschießen, Schiffe versenken. Die haben ja kein Unrechtsempfinden." Auf Nachfrage des Moderators, ob denn die Ego-Shooter schuld an der Misere sind, antwortet Herr Pendl mit: "So ist es."

Nicht tragbarer Populismus oder schlicht schlecht informiert?

Diese Aussage musste ich erst einmal verdauen. Es wurde ernsthaft behauptet, Computerspiele würden Kinder so weit abstumpfen, dass diese bereits jetzt die Jihadisten von morgen darstellen könnten. Herr Pendl spricht ihnen außerdem jegliches Unrechtsempfinden ab. Nun, Herr Pendl, natürlich sind Computerspieler, die über keinerlei Lobby in der Öffentlichkeit verfügen, ein ganz großartiger Sündenbock, um vom eigenen Versagen die letzten Jahre und Jahrzehnte abzulenken. Dafür haben deutsche Politiker in den letzten Jahren schon gesorgt (übrigens auch um vom eigenen Versagen abzulenken).

Herr Pendl, denken Sie nicht auch, dass in Österreich die teilweise schlechte Bildungssituation eher dafür verantwortlich zeichnet als ein virtuelles Onlineerlebnis? Dass fehlende Perspektiven Leute eher in die Fänge radikaler Prediger treiben als ein "Call of Duty" oder ein "Battlefield"? Glauben Sie ernsthaft, dass Counterstrike eher dafür verantwortlich ist, dass Leute sich dem Jihad anschließen, als die Jugendarbeitslosigkeit? Was haben diese drei Dinge gemeinsam? Die einen sind allesamt Ego-Shooter, die anderen Dinge liegen im Verantwortungsbereich der SPÖ und ihres Regierungspartners ÖVP. Sie haben dafür zu sorgen, dass junge Leute nicht in die Fänge solcher Hassprediger kommen, indem sie ihnen in Österreich Perspektiven bieten, indem sie ihnen Bildung bieten und indem sie ihnen Jobs bieten.

Wie lösen?

Natürlich würde ich nie behaupten, dass das alles ganz einfach geht, im Gegenteil, aber bitte halten Sie uns nicht für so blöd, dass wir Ihnen abkaufen, dass ein paar Ego-Shooter die Leute in den Jihad treiben. Vor allem reden Sie da offensichtlich von Dingen, von denen Sie nicht allzu viel Ahnung haben. Sollte ich Ihnen in diesem Punkt unrecht tun, entschuldige ich mich dafür, allerdings höre ich das aus dem Fernsehinterview so heraus.

Die Jihadisten von morgen?

Wenn junge Leute in einem vernünftigen Umfeld aufwachsen, sich ihre Eltern um sie kümmern und der Staat ihnen Perspektiven bietet sowie dafür sorgt, das Hassprediger aus dem Verkehr gezogen werden, können auch 1.000 Stunden im blutigsten Ego-Shooter nichts daran ändern. Ich habe selbst unzählige Stunden im virtuellen Krieg verbracht und wahrscheinlich mehr als eine Millionen "Menschen" online getötet, trotzdem verabscheue ich die Gewalt, die gerade im Nahen Osten herrscht. (Philipp Simmer, derStandard.at, 30.9.2014)

Philipp Simmer (27) kommt aus Niederösterreich und arbeitet in der Qualitätssicherung bei einem Autozulieferunternehmen.

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