Hürden bei Kooperation von Volksschulen und Kindergärten

30. September 2014, 07:59
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Der Wunsch der Regierung stößt unter anderem auf Datenschutzprobleme

Wien - Kindergärten und Volksschulen sollen nach Vorstellung der Regierung künftig besser zusammenarbeiten, um den Start ins Schulsystem zu erleichtern. Der STANDARD gibt einen Überblick über die Hintergründe der Debatte und die Probleme, die noch zu bewältigen sind:

Frage: Warum gibt es nicht längst eine intensive Abstimmung zwischen Kindergärten und Volksschulen?

Antwort: Zum Teil gibt es rechtliche Gründe. Volksschullehrer haben eine akademische Ausbildung absolviert, Kindergartenpädagogen nicht (Familienministerin Sophie Karmasin will das auch nicht ändern). Folglich ist ein fließender Wechsel des Personals nicht möglich.

Frage: Geht es dabei auch wieder um einen Kompetenzstreit?

Antwort: Das spielt sicher eine Rolle. Bei Volksschulen ist der Bund für Fragen der Schulorganisation zuständig, die Länder für Ausführungsgesetze. Bei den Kindergärten sind grundsätzlich die Länder zuständig, der Bund kann nur bei den Rahmenbedingungen mitreden. "Es wurde Schritt drei vor Schritt eins gemacht", beklagt daher auch die Kindergartenexpertin Heidemarie Lex-Nalis im STANDARD-Interview: "Zuerst hätte man eine andere Ausbildung einrichten müssen", sagt sie. Und: "Das elementare Bildungswesen muss unter das Dach des Bildungsministeriums kommen."

Frage: Welche Probleme gibt es in der Praxis?

Antwort: Der Rechnungshof hat im Vorjahr kritisiert, dass in den Kindergärten zwar Sprachstandsfeststellungen durchgeführt werden, diese Informationen allerdings aus Datenschutzgründen ohne die Zustimmung der Eltern nicht an die Volksschulen weitergegeben werden dürfen. "Die ganze Bürokratie geht dann von vorne los", beklagt Lehrergewerkschafter Paul Kimberger im Gespräch mit dem STANDARD. "Wir wollen das ändern", heißt es dazu im Bildungsministerium. Nur: Bis jetzt ist das nicht geschehen.

Frage: Ist es in allen Fällen möglich, dass Kindergärten und Volksschulen intensiv zusammenarbeiten?

Antwort: Ganz einfach ist das zweifellos nicht. Wie das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) 2011 in einer Analyse schrieb, kommt im städtischen Bereich das Problem dazu, dass sich in einer ersten Volksschulklasse nicht nur Kinder eines benachbarten Kindergartens finden, sondern der Kontakt zu diversen Einrichtungen gehalten werden müsste, was die Sache noch wesentlich komplizierter macht.

Frage: Welchen Fahrplan hat sich die Regierung nun vorgenommen?

Antwort: Vorerst gibt es 35 Pilotprojekte, ein flächendeckender Start der "gemeinsamen Schuleingangsphase", wie es die Regierung nennt, ist für 2016/17 geplant. Wie man sich das Idealmodell vorstellen würde, hat Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek am Montag präsentiert. Im Wiener Bildungscampus Sonnwendviertel sind seit Anfang September Kindergarten, Volksschule und erstmals auch eine Neue Mittelschule an einem gemeinsamen Ganztages-Bildungskomplex für Kinder von null bis 14 Jahren untergebracht. Die Grenzen zwischen den Klassen und Schultypen sind streckenweise aufgelöst: Für Projektarbeiten und in Freizeitstunden können einander Kinder aller Altersstufen begegnen. Billig war das Projekt freilich mit 65 Millionen Euro nicht. (go, burg, krud, DER STANDARD, 29.9.2014)

  • Im Wiener Campus Sonnwendviertel werden seit Anfang September an einem Standort Kindergarten, Volksschule und Neue Mittelschule angeboten. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) würde derartige Kooperationen gerne flächendeckend sehen.
    foto: votava/pid

    Im Wiener Campus Sonnwendviertel werden seit Anfang September an einem Standort Kindergarten, Volksschule und Neue Mittelschule angeboten. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) würde derartige Kooperationen gerne flächendeckend sehen.

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