Ein kollektiver Lesetest

29. September 2014, 15:38
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Die Gesamtschule wird beiseitegelegt, um Bewegung zu suggerieren

Manchmal ist das Schulwesen der Post sehr nahe. "Aufgeben tut man einen Brief", kommentierte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek das sanfte Abrücken der SPÖ von einer Kernforderung: der Gesamtschule. Eine Floskel soll also reichen, um die Verbundenheit der SPÖ mit der Gesamtschule zu zeigen.

Sechs Punkte verlas man am Samstag, die nur leicht verändert schon im Regierungsprogramm zu finden sind. Statt Reformarbeit übte sich die Regierung im kollektiven Lesetest. Klar, Geschlossenheit auch in Bildungsfragen wollte man demonstrieren - und das geht bei der Schule der 10- bis 14-Jährigen nicht. Der Streit um die Gesamtschule prägt die bildungspolitische Debatte seit den Anfängen der Ersten Republik. Generationen von großen Koalitionen lähmten sich so selbst in jedwedem Reformeifer. Und bewegte man sich doch, kam zum Beispiel ein Kompromiss wie die Neue Mittelschule heraus, deren Effekt und Nutzen umstritten ist. Nicht Fisch, nicht Fleisch, heißt das in der Welt der Floskeln.

Nun also andere Baustellen, der Übergang vom Kindergarten zur Volksschule zum Beispiel. Die Beschäftigung mit dieser Materie ist an sich lobenswert: Das Problem in diesem Bereich ist die Ausbildung. Den Kindergartenpädagogen gehört im Bildungssystem der Stellenwert eingeräumt, den sie schon längst verdienen: mit Lehrern ebenbürtig ausgebildet und bezahlt zu werden.

Die SPÖ verfolgt natürlich auf lange Sicht weiter das Ziel der Einrichtung einer Gesamtschule, alles andere wäre die Verabschiedung von ihrer eigenen Identität. Einstweilen zäumt man das Pferd von hinten auf und beginnt bei den Kleinsten. Dort scheint eine Annäherung eher möglich – Realpolitik statt großer ideologischer Themensetzung aus einem Guss. Nicht ankündigen, was nicht geht, sondern ankündigen, was schon vereinbart ist. Dieses Stückwerk suggeriert Bewegung und sichert politisch ab. Die große Bildungsreform ist turnusmäßig schon oft proklamiert worden – und oft samt politischem Personal gescheitert. Nun orientiert man sich am kleinsten Nenner.

Doch die Strategie hat eine Tücke: Irgendwann wird man den Gesamtschulbrief wieder ausgraben müssen. Dann stellt sich die Frage: Aufgeben oder umsetzen? Und wie passt das restliche Schulsystem dann noch dazu? Aufgeschoben ist nicht aufgehoben also. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 29.9.2014)

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