"Bildungsministerin hat in Kindergärten nichts zu sagen"

29. September 2014, 15:21
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Elementarpädagogin Lex-Nalis fordert Eingliederung der Kindergärten in Heinisch-Hoseks Ministerium

Bei der Regierungsklausur in Schladming hat Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek verkündet, Kindergarten und Volksschule künftig enger zusammenrücken zu lassen, "damit der Bildungsstart für jedes Kind optimal verläuft". Heidemarie Lex-Nalis von der Elementarpädagogik-Plattform Educare kritisiert: "Es wurde Schritt drei vor Schritt eins gemacht. Ohne Ausbildungs- und Verwaltungsreform bleibt es bei einer leeren Wort-zum Sonntag-Meldung."

Bereits seit 2009 existiert ein bundesweiter Bildungsrahmenplan für Elementarpädagogik, der zum Ziel hat, die Brücke zwischen Kindergarten und Volksschule weiterzubauen. Aber: "Es nützt nichts, wenn das nur auf Papier steht", so Lex-Nalis.

derStandard.at: Die Unterrichtsministerin hat bei der Regierungsklausur verkündet, den Kindergarten mit der Volksschule besser zu verbinden, damit der Schulstart für alle gelingt. Ein großer bildungspolitischer Wurf?

Lex-Nalis: Das ist nichts Neues. Es gibt bereits Modellregionen, in denen solche Kooperationen zwischen Schulen und Kindergärten stattfinden. Allerdings wird dabei viel Wert auf Fertigkeiten gelegt, mit denen die Kinder schon in die Schule kommen sollten. Der Kindergarten bemüht sich, den Anforderungen der Schule gerecht zu werden.

derStandard.at: Was ist das Problem?

Lex-Nalis: Es wurde Schritt drei vor Schritt eins gemacht. Zuerst hätte man eine andere Ausbildung einrichten müssen, in der Elementarpädagoginnen erleben, dass der Kindergarten tatsächlich die erste Bildungseinrichtung ist. Außerdem müssen sie lernen, speziell auf jene Kinder achtzugeben, die es notwendig brauchen. Nämlich Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Das ist bei der derzeitigen Ausbildung nicht der Fall.

derStandard.at: Müsste der Stellenwert der Kindergärten verbessert werden?

Lex-Nalis: Das elementare Bildungswesen muss unter das Dach des Bildungsministeriums kommen. So wäre eine Kooperation auf Augenhöhe möglich. Derzeit hat die Bildungsministerin in den Kindergärten nichts zu sagen. Sie kann nur über 15a-Vereinbarungen kurzfristige Vereinbarungen treffen. Es müsste eine Verwaltungs- beziehungsweise Verfassungsreform gemacht werden. Ohne Ausbildungs- und Verwaltungsreform bleibt es bei einer leeren Wort-zum Sonntag-Meldung.

derStandard.at: Bereitet der Übergang von der Schule in den Kindergarten tatsächlich so vielen Kindern Schwierigkeiten?

Lex-Nalis: Plötzlich tut man so, als wäre es bisher ein Problem gewesen, dass Kinder Startschwierigkeiten in der Volksschule hätten. Das ist allerdings nicht der Fall. Es gibt nur bestimmte Kinder, die Schwierigkeiten haben, weil sie schon mit Defiziten kommen.

derStandard.at: Welche Kinder haben Probleme?

Lex-Nalis: Das sind Kinder, die Sprachschwierigkeiten haben. Das betrifft allerdings nicht nur Kinder aus migrantischen Haushalten, sondern auch Kinder, denen die Sprache über Videos und Fernsehen vermittelt wird. Das sind jene 28 Prozent, die wir bis zum Ende der Schulpflicht mitschleppen. Es reicht nicht, wenn Schule und Kindergarten ein paar nette Feste feiern. Es brauchte fallorientierte, zielgerichtete Absprachen zwischen Lehrerinnen und Kindergartenpädagoginnen.

derStandard.at: Hätten die Kindergärten ausreichend personelle Ressourcen, um diese Absprachen mit der Schule durchzuführen?

Lex-Nalis: Wenn Kindergartenpädagoginnen den seit vier Jahren vorgesehenen Bundesrahmenplan erfüllen würden, dann wären sie gut in der Lage, alles, was beim einzelnen Kind auffällt, weiterzugeben. Bereits jetzt muss jeder Kindergarten von jedem Kind ein Portfolio anlegen. Dieses wird allerdings oft im Sinne von Erinnerungsalben geführt. Ein Portfolio ist aber auch dazu da, um die Entwicklungsschritte und die Interventionen, damit das Kind sich weiterentwickelt, zu dokumentieren. Das wäre die Grundlage für kooperative Gespräche und Schule und Kindergarten.

derStandard.at: Wann sollten solche kooperativen Gespräche idealerweise stattfinden?

Lex-Nalis: Wenn solche Kooperationen zur Regel werden, wird man spätestens im letzten Kindergartenjahr seine Kenntnisse und Bedenken weitergeben. Man wird mit der Schulleitung beraten, was man noch im Kindergarten tun kann, damit das Kind einen guten Start hat. Und man wird gemeinsam beraten, was die Schule tun muss, damit das Kind nicht gleich in ein Loch fällt, wenn es in die Schule kommt.

derStandard.at: Welcher Teil der Ausbildung fehlt den Elementar- und Primärpädagogen?

Lex-Nalis: Es mangelt am Wissen, etwa über Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Und es fehlt ihnen der Zugang, sich mit einem einzelnen Kind zu beschäftigen. Kinder, die nicht mitkommen oder sich im Unterricht vielleicht langweilen, fallen aus dem Blickwinkel der Pädagoginnen. Sie schauen nicht hin, sie erleben diese Kinder als störend. Auch die Elementarpädagoginnen haben den Blick auf die Gruppe. Der Bildungsrahmenplan sieht anderes vor, aber es nützt nichts, wenn das nur auf Papier steht. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 29.9.2014)

HEIDE LEX-NALIS (64) studierte Soziologie, Pädagogik sowie Bildungswissenschaften. Neben ihren Lehrtätigkeiten in Deutschland und Österreich leitete sie ein Jahrzehnt lang die Wiener Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik. Derzeit ist Lex-Nalis steuerndes Mitglied der Plattform EduCare, die sich als überparteiliche Bildungsplattform versteht.

  • Heidemarie Lex-Nalis: "Es brauchte fallorientierte, zielgerichtete Absprachen zwischen Lehrerinnen und Kindergartenpädagoginnen."
    foto: christian fischer

    Heidemarie Lex-Nalis: "Es brauchte fallorientierte, zielgerichtete Absprachen zwischen Lehrerinnen und Kindergartenpädagoginnen."

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