Warum eigentlich nicht Graz?

29. September 2014, 12:56
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Die Unternehmen im Raum Graz klagen besonders laut über Mangel an Fachkräften im technischen Umfeld. Kritik üben sie an der Rot-Weiß-Rot-Karte, Reformen werden im Bildungssystem und im Arbeitsrecht eingefordert

Für den Grazer Raum nicht ungewöhnlich: Alle auf dem Podium versammelten Personalchefs kommen als Vertreter ihrer Unternehmen aus dem technischen Umfeld. Und alle kämpfen um den Nachwuchs plus haben es schwer, Absolventen aus den MINT-Fächern zu rekrutieren. Was alle zudem umtreibt: Wie können sich Unternehmen in Österreich als attraktive Arbeitgeber aufstellen, wenn die Einstellung zur Arbeit immer mehr in Richtung Anspruch an die Work-Life-Balance geht, gleichzeitig der arbeitsrechtliche Rahmen solch individuellem Maßschneidern entgegensteht?

Das alles im Zusammenwirken mit der demografischen Kurve, einem internationalen Technikermangel und der Position von Graz abseits der globalen Traumdestinationen für Expatriates zwingt zur Kreativität.

Ingo Spörk, Personalchef beim Lagerautomations- und -logistikspezialisten Knapp, hat grundsätzlich die komfortable Situation, starkes Wachstum zu managen. Zweite Chancen für Menschen ohne Lehrabschluss nebst Betriebskindergarten und ausgeklügelten Teilzeitmodellen - grundsätzlich ist alles, was möglich ist, da. Unbekannt ist die Firma auch nicht. Trotzdem: Die Fachkräfte fehlen, die Bewerbungen für eine Lehre bei Knapp enttäuschen: "Es fehlen Grundfertigkeiten wie sinnerfassendes Lesen, Ausdrucksfähigkeit und Leistungsmotivation."

Die Jungen lernen anders

"Ich glaube nicht, dass die Leute schlechter werden, diese Digital Natives sind nur ganz anders, sie lernen anders, als wir gewohnt sind zu lehren. Da ist es derzeit dann schwer, an der Werkbank 45 Minuten volle Konzentration auf eine Sache zu bekommen", relativiert Markus Tomaschitz, Human Resources Director beim Entwickler und Prüfer für Antriebsmaschinen und Motoren AVL List. Ein Markenproblem hat Tomaschitz schon gar nicht - gravierende Besetzungsprobleme schon: 100 Positionen in Graz im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich sind offen. "Es gibt diese Leute einfach nicht. Wir behelfen uns mit viel Investment in die Ausbildung, trotzdem: Wir haben 48 Nationen im Unternehmen, das ist ein globales Thema."

David Oliver Ertler ist für Personal beim Leuchtenspezialisten XAL verantwortlich und bestätigt: Fixfertig Ausgebildete für diesen Bereich gebe es auf dem Markt nicht - das sei in China aber genauso. Die Strategie der XAL: Die Angel früh auswerfen an HTLs und für Lehrlinge. Ergebnis ist ein Durchschnittsalter von knapp 30 in der XAL. Bei Tomaschitz anders: Wer einen Eigentümer mit rund 70 hat, für den ist selbstverständlich, dass es auch Modelle für Arbeiten mit 65, 67 gibt.

Anders die Situation beim "Zulieferer" Fachhochschule Joanneum - Peter Reininghaus, Leiter Recht und Personal an dieser FH, schildert seine Herausforderungen: Wer aktiv im Berufsleben in der Rushhour des Lebens stehe, dem fehle meist die Zeit für eine Lehrverpflichtung. Das Fachhochschulgesetz empfindet er dabei als hinderlich: Einerseits gestatte es nur Lehrbeauftragte, die vollversichert seien - "jemand in Bildungskarenz, auf Arbeitssuche oder in Pension darf nicht", kritisiert Reininghaus. Dass die Fachhochschulen nicht so wie die Universitäten aus dem Arbeitszeitgesetz ausgenommen sind, sondern der Zehn-Stunden-Regel unterliegen, sei ebenfalls unverständlich und hemmend. Dass der Bund seine Zuwendungen an die FHs dringend valorisieren müsse (zuletzt fand 2009 ein Teuerungsausgleich statt) - mit dieser Forderung erntet er breite Zustimmung im Saal des Schlossbergrestaurants.

PhDs der FH: Ja, bitte

Personell gesehen könne die FH Joanneum mit einem Package punkten, sicher nicht mit dem großen Geld, so Reininghaus, der mittlerweile auf 4500 Bewerbungsgespräche zurückblickt. Dass hoher inhaltlicher Druck herrsche und in puncto pädagogischer Fähigkeiten der Vortragenden auch einmal nachgeschult werden müsse, verschweigt er nicht.

Zum Thema der FH-Forderung nach Doktoratsfähigkeit springt Tomaschitz bei: Man werde sich auch in Österreich (nach deutschem Vorbild) überlegen müssen, ob die Forschungsleistung der Industrie nicht solcherart unterstützt werden müsse. Implizite Antwort also: Ja.

Stereotype und Wunschprofil

Edith Baumgartner, seit 20 Jahren im Personalberatungsgeschäft, sieht in den Diskussionen um die Besetzungsprobleme ihre täglichen Erfahrungen widergespiegelt. "Es gibt die Kandidaten zu den Wunschprofilen nicht." Sanft, aber mit Nachdruck berichtet sie, dass es wohl schwer sei für Motivierte im Alter 50+, selbst im technischen Bereich bei so großem Mangel einen Job zu finden. Woran das liege - an Vorurteilen und Altersstereotypen oder an Vergütungsthemen? "An beidem", so die Iventa-Beraterin.

Gefragt nach der Wirklichkeit des Spielraums für eine Work-Life-Balance beim derzeitigen Tempo und den Herausforderungen hochqualifizierter (Führungs-)Positionen sagt sie: Es gelinge nur ganz wenigen, große Verantwortungsbereiche in Teilzeit zu managen. "Aber wir müssen uns in Richtung größerer Flexibilität entwickeln."

Tomaschitz wird deutlich: "Wir müssen alle dermaßen knapp kalkulieren - es geht sich vieles nicht einmal in 50 Stunden aus. Auch wenn wir es gerne anders hätten."

Da schwenkt er zum Verunmöglicher Arbeitsrecht: "Ich kann jemandem nicht ermöglichen, dass er montags bei Sonnenschein noch in Kroatien auf seinem Boot bleibt und er dafür Samstag oder Sonntag arbeitet." Vertrauensarbeitszeit sei etwas Gutes, verlange aber dennoch Aufzeichnungen, erinnert er.

Dass ein "Balanced Worklife" aber die Herausforderung für alle sei, hält er für unbestritten. Für Ertler eine Frage der Kultur: "Wenn der Chef um sieben kommt und um 22.00 Uhr geht - da nützt auch das schönste Fitnesscenter nichts, wenn man es während der Arbeitszeit des Chefs nicht benützen darf."

Kritik hagelt es rundum an der Rot-Weiß-Rot-Karte: Noch immer dauere es bis zu einem halben Jahr bis zu einer Genehmigung für Drittstaatenangehörige - viele Firmen geben da auf, berichtet Edith Baumgartner.

Was Personaler fordern

Dass Personalverantwortliche vor einer Vielzahl an Hürden stehen, wird klar - aber wo bleibt die Stimme in der Öffentlichkeit? Personalarbeit, so Tomaschitz, werde kaum in die Strategie einbezogen - das liege einerseits an den Persönlichkeiten der Personaler, andererseits wohl an den Themen. Reininghaus: "Wir sind ja auch oft die Spaßbremsen."

Die dringendsten Anliegen der Runde betreffen die vielfach erwähnte Reform des Arbeitsrechtes, verbesserte und intensivierte Berufsorientierung sowie grundsätzlich "eine Ausbildung für Pädagogen" (Tomaschitz) sowie eine Ausbildung derer für diesen Beruf, "die junge Menschen grundsätzlich mögen".

Eine Umorientierung im gesamten Bildungssystem hin zu Stärken und weg vom Defizitdenken und vom Aussortieren sowie mehr Fokus auf soziale Fähigkeiten werden gefordert. Jedes Kind müsse an sein Potenzial gelangen können.

Baumgartner: "Ich sehe Techniker mit den tollsten Abschlüssen, die kriegen keinen geraden Satz heraus. Diese Menschen scheitern dann, wenn sie in der Wirklichkeit der Wirtschaft aufschlagen."

Tomaschitz: "Standortpolitik ist vor allem Bildungspolitik. Da müssen wir unsere Schätze, wie etwa die duale Ausbildung, hegen, pflegen und mehren." (DER STANDARD, 27./28.02014)

  • Zu Diskussion am Grazer Schlossberg (von re): Markus Tomaschitz (AVL List), Peter Reininghaus (FH Joanneum), Edith Baumgartner (Personalberatung Iventa), David Oliver Ertler (XAL), Ingo Spörk (Knapp) und Moderatorin Karin Bauer.
    foto: jj kucek

    Zu Diskussion am Grazer Schlossberg (von re): Markus Tomaschitz (AVL List), Peter Reininghaus (FH Joanneum), Edith Baumgartner (Personalberatung Iventa), David Oliver Ertler (XAL), Ingo Spörk (Knapp) und Moderatorin Karin Bauer.

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