Pannenserie beim Secret Service erzürnte Obamas

29. September 2014, 15:06
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Wie erst jetzt enthüllt wurde, hatte der US-Geheimdienst im November 2011 vier Tage lang nicht bemerkt, dass auf das Weiße Haus geschossen worden war

Eine Reihe von Versäumnissen bringt die Reputation des US-Geheimdienstes Secret Service, der für den Schutz des Präsidenten und seiner Familie verantwortlich ist, schwer in Verruf. Eine nun publik gewordene Fehlerkette im Jahr 2011 hatte sogar die First Lady in Rage gebracht.

foto: haraz n. ghanbari/ap/dapd)
Agenten untersuchen die Schussspuren am Weißen Haus.

Es war am Freitagabend, dem 11. November 2011, als eine Kugel ein Fenster im ersten Stock des Weißen Hauses traf, eine weitere blieb im Fensterrahmen stecken - insgesamt sieben Kugeln trafen die Residenz des US-Präsidenten. Der Präsident und seine Frau waren an diesem Abend nicht in Washington, doch eine der Töchter des Paares und die Mutter von First Lady Michelle Obama befanden sich im Gebäude, als die Schüsse abgegeben wurden.

Sowohl der Angriff wie auch die spätere Festnahme des Schützen, Oscar Ramiro Ortega-Hernandez, waren öffentlich bekannt. Doch wie die Washington Post am Wochenende berichtete, blieben die Einschüsse vom Secret Service tagelang unbemerkt.

Pannen bisher unbekannt

In den ersten Sekunden nach dem Attentat lief zunächst noch alles nach Plan: Nachdem sie Schüsse hörten, reagierten Agenten des Secret Service sofort, ein Beamter zog seine Waffe, Scharfschützen auf dem Dach des Gebäudes gingen in Stellung und suchten mit Ferngläsern nach der Ursache der Schüsse.

Andere Beamte wiederum, die in einem Fahrzeug rund um das Weiße Haus patrouillierten, stiegen aus ihrem Fahrzeug und zogen die Waffen, um nach dem Schützen zu suchen. Sie rochen Schießpulver.

"Haltet euch zurück"

Doch wenig später wurde den Agenten über Funk von ihren Vorgesetzten durchgegeben: "Es sind keine Schüsse gefallen … Haltet euch zurück." Die Geräusche seien von einem Baufahrzeug in der Nähe, nicht aus einem Gewehr gekommen, so die Erklärung. Eine Fehleinschätzung - nicht die einzige, die an der Fähigkeit des Secret Service, den US-Präsidenten zu schützen, zweifeln lässt.

Erst am Ende jener Freitagnacht konnte der Geheimdienst mit Sicherheit bestätigen, dass im Zentrum Washingtons tatsächlich Schüsse gefallen waren. Doch man bestand darauf, dass das Weiße Haus nie das Ziel gewesen sei, sondern dass es womöglich zu einem Schusswechsel zwischen Gangs nahe dem Weißen Haus gekommen war.

180 Schuss Munition

Dass der Täter letztlich doch gefasst werden konnte, hatte mehr mit Zufall denn mit den Fähigkeiten des Geheimdienstes zu tun. Ortega verließ rund drei Wochen vor seiner Tat sein Haus in Idaho. Freunde berichteten, er sei immer paranoider geworden und habe die US-Regierung beschuldigt, diese versuche die Bürger zu kontrollieren. Obama, so Ortega, "müsse gestoppt werden".

Als er in Washington ankam, hatte er 180 Schuss Munition und eine halbautomatische Waffe, die er in Idaho gekauft hatte, bei sich. Zahlreiche Zeugen sahen ihn, als er auf das Weiße Haus schoss, Ortega flüchtete mit hoher Geschwindigkeit, verursachte dabei jedoch einen Unfall und flüchtete aus seinem Fahrzeug. Zurück ließ er seine Waffe. Ein Obdachloser beschrieb einen weißen Mann, der aus dem Unfallfahrzeug flüchtete, gesucht wurde über Funk jedoch nach zwei schwarzen Männern.

Der Secret Service kam vorschnell zum Schluss, dass die beiden Vorfälle - die angeblichen Schüsse auf das Weiße Haus am 11. November und der Unfall eines bewaffneten Mannes am selben Tag - nichts miteinander zu tun hatte. Letzteres untersuchte fortan die U.S. Park Police, die am nächsten Tag einen Haftbefehl gegen Ortega beantragte.

Kommunikationsversagen

Es sollte nicht die letzte Kommunikationspanne bleiben. Die Agenten, die für die Sicherheit der Familie des Präsidenten verantwortlich sind, waren von den Schüssen zunächst gar nicht informiert - die Beamten, die für die Sicherheit des Gebäudes zuständig sind, kommunizieren auf einer anderen Frequenz als die Beamten, die für den Schutz der Familie zuständig sind.

Als am nächsten Tag, dem 12. November die leitenden Secret-Service-Agenten berichteten, dass die Schüsse am Vortag nicht dem Weißen Haus gegolten hätten, schwieg die Agentin, die am Abend zuvor bemerkte, dass Verputz vom Balkon des Gebäudes fiel, aus Angst, Ärger mit ihren Vorgesetzten zu bekommen - die Einschussspuren blieben zunächst unentdeckt.

Erst am Dienstag, dem 15. November - also vier Tage nach dem Vorfall - bemerkte eine Angestellte des Weißen Hauses ein Einschussloch im Fenster des Weißen Hauses. In Folge stellten Ermittler fest, dass das Gebäude von Schüssen getroffen war. Erst danach verknüpfte der Secret Service den Autounfall und die Schüsse und fahndete landesweit nach Ortega, der schließlich gefasst, verhaftet und später verurteilt wurde

foto: dana verkouteren/ap/dapd
Oscar Ramiro Ortega-Hernandez Ende November 2011 vor Gericht.

First Lady wütend

Doch selbst als klar war, dass Schüsse auf das Weiße Haus abgegeben wurden, informierten die Agenten des Secret Service nicht die First Lady, die inzwischen wieder in Washington eingetroffen war. Sie erfuhr es eher zufällig durch einen ihrer Mitarbeiter. Sowohl Präsident Obama als auch seine Ehefrau sollen wütend gewesen sein, berichtet die "Washington Post".

Doch es sollte nicht die letzte Panne des Geheimdienstes gewesen sein: Gleich im nächsten Jahr erschütterte ein Prostitutionsskandal den Secret Service: Ein Voraustrupp von Präsident Obama brachte im April 2012 Prostituierte in ein Hotel im kolumbianischen Cartagena. Dort waren die Agenten zur Vorbereitung der Teilnahme von Obama am Amerika-Gipfel. Die Mitarbeiter des Secret Service sollen zudem viel Alkohol getrunken und einen Strip-Club besucht haben.

Im September 2014 konnte ein Mann den Zaun des Weißen Hauses überwinden und bis zum Haupteingang des Gebäudes vordringen. Weder sei der Eingang wie vorgesehen von einem Wachmann gesichert gewesen, noch seien die für den Ernstfall ausgebildeten Hunde eingesetzt worden. Auch die Scharfschützen des Weißen Hauses seien aus ungeklärten Gründen abwesend gewesen. Dessen Türen waren - auch das kam an die Öffentlichkeit - bis zu diesem Vorfall offenbar nicht einmal abgesperrt. (stb, derStandard.at, 29.9.2014)

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