US-Regierung läutet "digitalen Krieg" gegen Terrormiliz IS ein

29. September 2014, 12:20
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State Department will auf Facebook und Twitter "tougher und härter" sein - und mit Sarkasmus punkten

Die Zeiten von Schüleraustausch und Werbebroschüren als Mittel zur Imagesteigerung sind vorbei – so lässt sich momentan die Stimmung im US State Department zusammenfassen. "Ein Jazz-Trio nach Budapest zu schicken ist nicht unbedingt, was wir 2014 noch tun wollen", fasst Richard Stengel zusammen. Er ist für die US-Regierung als Leiter der "Public Diplomacy" tätig, kümmert sich also um die öffentliche und offizielle Darstellung seines Landes. Stengel ist somit der direkte Gegenspieler zur Propagandaabteilung der Terrorgruppe IS, die äußerst geschickt soziale Medien mit ihren Botschaften bespielt. Ein aussichtsloser Kampf?

Internetcafes im Kalifat "immer voll"

Tatsächlich ist die Außenwirkung ein Eckpfeiler der IS-Strategie. Laut Augenzeugenberichten sind die Internetcafes in Raqqa, der in Syrien liegenden "Hauptstadt" des Kalifats, immer voll besetzt. Junge Jihadisten kommunizieren via Facebook, Twitter und Instagram mit ihren Verwandten und Freunden in ihren Heimatländern oder versuchen, neue Jugendliche für den Kampf zu gewinnen. Nicht erfolglos: Sehr viele junge Männer und Frauen folgen dem Nachrichtenfluss aus dem selbsternannten Kalifat und werden von den radikalen Islamisten beeinflusst.

Direkter Widerspruch

Genau hier möchten die US-Behörden ansetzen: Sie wollen mit ihren Botschaften soziale Medien und arabischsprachige Foren im Netz besetzen, der IS-Propaganda direkt widersprechen. Die New York Times vergleicht dies mit der militärischen Kampagne der US-Truppen: Die Nachrichteninhalte müssen wie Luftschläge gezielt in "besetzte Gebiete" gebracht werden.

Ähnlich wie bei den Luftschlägen sollen die USA aus einer "Koalition der Willigen" unterstützt werden, die Staatssekretär Richard Stengel als "Kommunikationsallianz" bezeichnete. Tatsächlich setzen viele Beobachter große Hoffnungen in Bewegungen, die unabhängig von offiziellen Stellen entstehen und authentisch den Unmut vieler Muslime mit der Terrorbande ausdrücken.

Hashtag kreiert

Ein erster Ansatz dazu ist die Kampagne "#ThinkAgainTurnAway". Unter diesem Hashtag verschickt das State Department auf Twitter und Facebook Nachrichten, die sich direkt gegen die IS-Propaganda richtet. Manche Botschaften wollen Fakten schaffen und den Mythos IS entzaubern, andere mit Bildern von IS-Gräueltaten schockieren.

Sarkasmus der Kampagne kritisiert

Doch manche Experten stoßen sich am Tonfall der Kampagne: Die Verantwortlichen geben sich immer wieder sarkastisch, posten etwa: "Du kannst nützliche neue Fähigkeiten für die muslimische Gemeinde lernen: Moscheen in die Luft jagen, andere Muslime köpfen und kreuzigen. Oder öffentlichen Besitz plündern." Kritiker fragen sich, ob dieser Stil für ein offizielles Regierungssprachrohr angemessen ist, seine Wirkung bei potenziellen Jihadisten dürfte auch fraglich sein. Zusätzlich ist aus Studien bekannt, dass Propaganda auch das Gegenteil des gewünschten Effekts – also verstärkte Ablehnung der Botschaften – hervorrufen kann.

Ungleiche Ressourcen

Ein weiteres Problem für die Kampagne ist der evidente Ressourcenmangel: Rund fünfzig Leute sind im State Department mit "Antiterror-Propaganda" beschäftigt. Im Gegensatz dazu stehen hunderte junger Jihadisten, die rund um die Uhr Botschaften vermitteln. Diese werden wiederum von zigtausenden Anhängern multipliziert – ein ungleicher Wettstreit. "Die Kapazitäten solcher Gruppen übersteigen die Ressourcen offizieller Regierungsstellen bei Weitem", so Lina Khatib, die in Beirut für das Carnegie Middle East Center forscht.

Druck auf Facebook und Twitter

Daher versucht die US-Regierung auch zusehends, Druck auf die Betreiber der großen Social Media-Kanäle wie Twitter und Facebook auszuüben. Diese sollen schneller löschen, sperren und Nutzer verwarnen. Doch selbst wenn das gelingt, ist dies nur ein erster Schritt – denn die Terroristen sind auch in alternativen Netzwerken aktiv. Den US-Behörden bleibt also nichts übrig als in laut Stengel "schwierigen, alarmierenden, verstörenden Plätzen" für ihre Agenden zu werben. (fsc, derStandard.at, 29.9.2014)

  • Die Terrorgruppe IS feiert militärische Erfolge sofort auf Facebook und Twitter ...
    screenshot/twitter

    Die Terrorgruppe IS feiert militärische Erfolge sofort auf Facebook und Twitter ...

  • ... die US-Regierung will dem mit eigenen Kampagnen gegenübertreten
    screenshot/twitter

    ... die US-Regierung will dem mit eigenen Kampagnen gegenübertreten

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