Die Verteidigung der Territorien bis zum Letzten

29. September 2014, 07:37
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Abschottung, Inbesitznahme und Krieg als Themen der Ausstellungen zum "Herbst"

Graz - Auf den ersten Blick scheint das Motto des Steirischen Herbstes den Strömungen zu widersprechen. Denn entgegen der egoistischen Einstellung I prefer not to ... share! teilt man so vieles - auf Facebook. Und man begegnet sich friedlich auf "shared spaces". Doch die Haltung, nicht teilen zu wollen, dominiert: Verteidigt werden Territorien gegen Eindringlinge wie Flüchtlinge. Territorien nennt sich denn auch eine exzellente Schau des Kunstvereins Rotor (bis 22.11.) als Beitrag zum Festival: Ausgehend von Rousseau, der die Landnahme als unzulässigen Akt ansah, weil die Erde niemandem gehört, geht es um Inbesitznahme und Abschottung.

Wiewohl Margarethe Makovec und Anton Lederer, die Gründer von Rotor, immerzu bemüht sind, Schwellen abzubauen: Der Rumäne Ovidiu Anton macht es dem Besucher nicht leicht, die Ausstellungsräume zu betreten. Denn er errichtete unmittelbar nach dem Eingang eine ziemlich hohe (wenn auch abgetreppte) Mauer aus rot-weiß-roten Brettern, mit denen Baustellen abgesichert werden. Betreten verboten also. Wer die Barriere erklimmt, wird sogleich mit den Collagen des Ostukrainers Gamlet Zinkovsky konfrontiert. Er ergänzt historische SW-Fotos mit pointierten Kommentaren zur Situation in seiner Heimat: Eine Arbeit nennt sich Pinguine verlassen die Ukraine, eine andere Wir hatten die Krim. Und Ihr?

Eine berührende Form des Widerstands dokumentiert die in New York lebende Schweizerin Gaby Steiner in ihren Fotografien: Sie porträtiert einen Mann, dessen baufälliges Haus abgerissen wurde; er lebt nun als Obdachloser - auf seinem eigenen Grundstück.

Und Mark Boulos kontrastiert in seiner Videoinstallation das Treiben auf der Chicagoer Börse, dem bedeutendsten Umschlagplatz für Rohöl, mit dem Kampf von Guerillakämpfern im Niger-Delta, wo sich eines der größten Erdölfelder der Welt befindet, gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung durch internationale Konzerne.

Die komplexe Videoinstallation The Enclave im Kunsthaus (bis 12.10.) schließt direkt daran an: Richard Mosse filmte zwei Jahre lang die verschiedenen Aspekte des Bürgerkriegs im Kongo. Er verwendete einen Kodak-Infrarotfilm, der im Zweiten Weltkrieg entwickelt worden war, um getarnte Stellungen aufzuspüren: Die Landschaft erscheint alarmierend rosarot und purpurfarben. Auf jeder der sechs im Raum hängenden Projektionsflächen zeigt Mosse andere, sich ergänzende Bilder, friedliche wechseln mit schockierenden ab. Die Installation, die 2013 auf der Biennale Venedig als Beitrag von Irland zu sehen war, ist - auch aufgrund des beklemmenden Soundtracks von Ben Frost - eine Art Symphonie. Und ein verstörendes Erlebnis.

Nebenan, in der Camera Austria, wird der Faden weitergesponnen: The Militant Image (bis 16. 11.) geht der Frage nach, was ein Bild militant macht. Zu sehen sind z. B. vergilbte Fotos des zerstörten Beiruts von Paola Yacoub, die vom Labor nicht ordentlich entwickelt worden waren, weil sie keine Kriegshandlungen zeigten. Vertreten ist natürlich auch Harun Farocki mit seinem Film Nicht löschbares Feuer (1969). Und Peter Friedl stellt die Verbindung zur Ausstellung Forms of Distancing, her: Er ist da wie dort vertreten.

Die Kuratoren dieser Eigenproduktion des Festivals in der ehemaligen PolIzeizentrale (bis 23. 11.) fassen das Thema gar weit. Eines der zentralen Werke ist Variations von Robert Breer aus 1970: Kleine motorisierte Skulpturen krachen auf der Tischplatte mitunter zusammen. Und diese ist nichts anderes als ein "shared space". (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 29.9.2014)

  • Ziemlich hohe, wenn auch abgetreppte Mauer von Ovidiu Anton im Kunstverein Rotor: Statement gegen die Abschottungstendenzen.

    Ziemlich hohe, wenn auch abgetreppte Mauer von Ovidiu Anton im Kunstverein Rotor: Statement gegen die Abschottungstendenzen.

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