Knistern von Licht und Lauten

28. September 2014, 22:02
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Körper und Chor: Maria Hassabi und Rashaad Newsome

Graz - Die einen bewegen sich so langsam im gleißenden Licht von hunderten Scheinwerfern, dass man die kleinste Bewegung, die zarteste Mimik als Ereignis wahrnimmt. Die anderen bauen schnell, laut und genauso präzise aus Silben, Lauten und Sätzen eine schillernde Sprachskulptur.

Zwei unterschiedliche, starke Produktionen bestimmten die erste Samstagnacht im Steirischen Herbst: Zuerst zeigte die in New York lebende, zypriotische Performerin Maria Hassabi mit ihren Kollegen Biba Bell, Hristoula Harakas, Robert Steijn und Andros Zins-Browne im Dom im Berg ihre konzentrierte Performance Premiere, danach wanderte der Großteil des Festivalpublikums über die Mur ins Orpheum, um zu sehen was Rashaad Newsome aus Brooklyn mit den Sprachen und Dialekten, die er in Graz vorgefunden hatte, schuf.

Shade Graz, 2014 heißt die Arbeit Newsomes, die Teil einer Reihe ist, für die er in verschiedenen Städten vorgefundene Versatzstücke von Kultur und Sprache mit einem großteils vor Ort gecasteten Chor sampelte, verschränkte und in Ton und Bild durchaus unterhaltsam wiedergab. Über 20 Frauen und Männer - durchwegs in sportlicher Kleidung einer bekannten New Yorker Designerin gewandet - groovten mit Zisch- und Knacklauten, mit Stöhnen und Seufzen oder in der Endlosschleife ins Mikro rezitierten Sätzen wie "Pass auf!" oder "Sicher net".

Newsome stand im schwarz-weißen Messgewand wie ein Dirigent an seinem Laptop und gab die Kommandos zu den sechs Akten - auf seinem Rücken prangte das an seine Heimatstadt gemahnende goldene NY, das Publikum gab sich stehend dem Rhythmus hin. Über den Köpfen des Chors liefen die Visuals Newsomes - Nahaufnahmen von Protagonisten mit affirmativer oder verneinender Mimik und Lautmalerei.

Bei Hassabi hatte man zuvor die Möglichkeit, ausschließlich minimalistische Bewegungen bewusst zu beobachten. In einer guten Stunde wandten sich die zwei Frauen und drei Männer langsam dem Publikum zu. Einzig begleitet von wenigen Tönen aus winzigen Radios und dem Knistern der Lautsprecher. Selbst ein medizinischer Notfall im Publikum am Samstagabend konnte der Körperbeherrschung und dem fast meditativen Charakter der Performance der fünf nichts anhaben. (cms, DER STANDARD, 29.9.2014)

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