Knesset-Präsident: "Frieden von unten nach oben aufbauen"

Interview29. September 2014, 09:09
125 Postings

Vor Besuch bei Amtskollegin Bures sprach Yuli Edelstein über den Gaza-Krieg und Mahmud Abbas’ UN-Rede

Der Vorsitzende des israelischen Parlaments, Yuli Edelstein, trifft Montagabend zu einem dreitägigen Besuch in Wien ein. Er ist der erste offizielle ausländische Gast von Doris Bures als Nationalratspräsidentin. Auf seinem Programm steht neben politischen Gesprächen auch eine Zeremonie, bei der Österreicher ausgezeichnet werden, die in der Nazizeit Juden gerettet haben. Im Interview spricht er über den Gaza-Krieg, die jüngste UN-Rede von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und den Anstieg des Antisemitismus in Europa.

STANDARD: Es war ein schrecklicher Sommer, der Krieg gegen die Hamas wirkt nach. Die Hamas-Führer treten als Sieger auf, in Israel gibt es einige Unzufriedenheit über den Ausgang. Was ist Ihre Einschätzung mit einem Monat Abstand?

Yuli Edelstein: Ich bin verwundert über die Reaktion der Hamas. Die Hamas liegt blutend auf dem Boden wie ein Boxer nach einem K.o., es gab Tote unter ihren höchsten Kommandanten. Und trotzdem rufen sie: Das ist unser großer Sieg. Und wir hier in Israel mit all unseren Erfolgen streiten darüber, ob wir gesiegt haben. Ich denke, es war ein klarer Sieg. Natürlich - keinem anderen Land der Welt, weder den USA noch Russland noch Großbritannien, ist es jemals gelungen, eine Terrororganisation völlig zu zerschlagen.

STANDARD: Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer hat Israel "extreme Unverhältnismäßigkeit" bei den Angriffen im Gazastreifen vorgeworfen.

Edelstein: Vermutlich mehr als 50 Prozent der Toten waren Hamas-Aktivisten. Es gab leider auch Hunderte andere Opfer, einschließlich Kinder und Frauen. Aber alle diese Menschen sind Opfer des Hamas-Terrorismus, auch wenn Israel geschossen hat. Wir waren viel zurückhaltender als andere Armeen bei Kämpfen in urbanem Gebiet. Wir haben eigene Soldaten verloren, weil wir sehr zurückhaltend waren. Aber wenn Feuer aus UN-Einrichtungen, Schulen, Spitälern kommt, wird das sehr schwierig. Und all unseren europäischen Kollegen, die keinerlei Erfahrung haben mit der Bekämpfung von Terror dieser Art, würde ich empfehlen: Denkt zuerst darüber nach, was ihr in dieser Situation getan hättet, und dann kritisiert uns.

STANDARD: Viele meinen, wegen der Schwächung der Hamas wäre es jetzt ein guter Zeitpunkt, ernsthafte Verhandlungen mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu führen.

Edelstein: Leider hat Abbas jetzt vor der Uno gesprochen, als wäre die Rede vor 30 Jahren geschrieben worden: Israel hat alle Kriege begonnen, Israel ist ein Monstrum, es hat keinen Sinn zu verhandeln. Aber ich glaube, es gibt einen Weg, den Frieden von unten nach oben aufzubauen, mit Kräften in arabischen Ländern, die konkret mit uns zusammenarbeiten wollen. Denn wir Israelis werden nicht verschwinden, und ich weiß als Israeli, dass auch die Araber nicht verschwinden werden. Also sollten wir beginnen, hier in der Region an unserer Koexistenz zu arbeiten, statt diese Hassreden in der Uno zu halten.

STANDARD: Die Knesset, deren Vorsitzender Sie sind, ist vermutlich das einzige Parlament der Welt, in dem Mandatare sitzen, die sich in Kriegszeiten mit dem Feind solidarisieren. Wie gehen Sie damit um?

Edelstein: Ich habe keine Freude, wenn einige meiner Kollegen sagen, dass die Hamas keine Terrororganisation ist. Aber wir sollten uns nicht verrückt machen lassen. Wir haben eine klare Mehrheit in der Knesset von Juden, Muslimen, Christen und Drusen, die verstehen, dass Terrorismus unser gemeinsamer Feind ist, und ja, es gibt einige Radikale, die sagen, die Ermordung dreier israelischer Jugendlicher sei ein legitimer Widerstandsakt gewesen.

STANDARD: In Europa wurden die Juden grausam verfolgt. Jetzt besteht Europa aus stabilen Demokratien. Sehen Sie in antisemitischen Manifestationen eine ernsthafte Bedrohung?

Edelstein: Die gute Nachricht ist, dass wir von allen Präsidenten, Regierungschefs, Parlamenten unterstützt werden. Aber wir müssen uns immer vor Augen halten, dass der Holocaust nicht mit Lagern und Gaskammern begonnen hat. Er begann mit den Schlagzeilen, die Sie heute in europäischen Zeitungen lesen können: ein Stein ins Fenster eines Rabbiners geworfen, ein Kind beim Verlassen einer jüdischen Schule angegriffen. Wir sollten also aufpassen. Ich sage nicht, dass wir vor einem neuen Holocaust stehen. Aber wir können nicht in einer Situation leben, wo die Meldungen in europäischen Zeitungen jenen der 30er-Jahre sehr ähnlich sind. (Ben Segenreich, DER STANDARD, 29.9.2014)

Yuli Edelstein (56) ist Vorsitzender der Knesset. Wegen Aktivitäten für freie Ausreise nach Israel wurde er in der Sowjetunion zu Lagerhaft verurteilt. In Israel wechselte er von einer Einwandererpartei zum rechtskonservativen Likud.

  • Der Vorsitzende des israelischen Parlaments Yuli Edelstein (links neben Premier Benjamin Netanjahu) saß in der Sowjetunion wegen Bemühungen um freie Ausreise nach Israel in Lagerhaft. Im Interview warnt er vor ansteigendem Antisemitismus in Europa.
    foto: epa/ariel schalit

    Der Vorsitzende des israelischen Parlaments Yuli Edelstein (links neben Premier Benjamin Netanjahu) saß in der Sowjetunion wegen Bemühungen um freie Ausreise nach Israel in Lagerhaft. Im Interview warnt er vor ansteigendem Antisemitismus in Europa.

Share if you care.