Türkischer Präsident Erdogan für Einsatz von Bodentruppen gegen IS

28. September 2014, 19:06
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Trotz US-Luftangriffen rückt die IS näher an die türkische Grenze heran, ein Großangriff auf die Stadt Kobanê soll bevorstehen. Ankara scheint die Niederlage der Kurden abzuwarten, würde aber bei einem Bodeneinsatz mitmachen

Ankara - Die Kurden oder der "Islamische Staat"? Die Wahl scheint klar, doch sie ist so unbequem für die politische Führung in Ankara, dass sie versucht, ihr so lange wie nur möglich aus dem Weg zu gehen. Fällt Kobanê (Ain al-Arab), die mehrheitlich kurdische syrische Grenzstadt - rund 50 Kilometer von der türkischen Provinzhauptstadt Sanliurfa mit einer halben Million Einwohner entfernt -, dann ist ein großer Teil der türkischen Grenze zu Syrien unter der Kontrolle der Terrormiliz IS.

Auf dem Rückflug von der UN-Vollversammlung in New York erklärte der türkische Staatspräsident Tayyip Erdogan im Gespräch mit Journalisten seine Bereitschaft, Bodentruppen der Armee nach Syrien zu schicken, jedoch nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit Verbündeten. Darüber werde derzeit international beraten, sagte Erdogan. Doch damit umgehen der Präsident und seine Regierung zugleich die Entscheidung, ob die Türkei nun den kurdischen bewaffneten Kräften in Kobanê beispringt, wie es die USA seit dem vergangenen Wochenende tun.

Grenzübertritte in beide Richtungen

Die IS-Kämpfer sollen ungeachtet der amerikanischen Luftangriffe auf weniger als zehn Kilometer an Kobanê herangerückt sein. Die Miliz scheint nun von mehreren Seiten einen Großangriff begonnen zu haben, mindestens zwei Granaten sind am Abend im Westen der Stadt eingeschlagen. Nur noch 5000 bis 20.000 Einwohner seien in Kobanê geblieben, berichtete das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR unter Berufung auf Flüchtlinge, die über die türkische Grenze kamen. Gleichzeitig aber wechselten am Wochenende mehrere Hundert Kurden auf die andere Seite nach Kobanê, um sich dem Kampf gegen die IS anzuschließen.

Die türkische Regierung hat in den vergangenen Jahren ein gutes Verhältnis zur kurdischen Regionalregierung im Nordirak aufgebaut. Doch die Selbstverwaltung der Kurden in Syrien unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) versuchte Ankara zu untergraben. PYD-Politiker werfen der Türkei vor, sie unterstütze logistisch die Islamisten gegen die Kurden.

Luftangriffe ungenügend

Die Gefechte um Kobanê, direkt an der türkischen Grenze, bringen Ankara nun in Verlegenheit. Nur Luftangriffe durchzuführen sei ungenügend, erklärte Erdogan. Man könne damit allein nicht eine Terrororganisation besiegen. Komme es zum Einsatz von Bodentruppen, sei die Türkei bereit, ihren Teil beizutragen. Der Staatschef bekräftigte auch seinen Wunsch nach einer Sicherheitszone auf syrischem Gebiet. Dort könnten die Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht werden. Doch auch eine solche Pufferzone im Grenzgebiet müsse zusammen mit anderen Ländern der Region aufgebaut werden.

In einer Rede am Sonntag verteidigte sich Erdogan dann gegen den Vorwurf einer unklaren Haltung in der Syrienpolitik. Die Türkei habe sich in der Frage einer internationalen Koalition gegen die IS "für eine Weile" anders verhalten müssen, weil es die 46 türkischen Geiseln gegeben habe. Dies sei nur verantwortungsvoll gewesen. "Jetzt müssen wir gegen alle Terrororganisationen in der Region kämpfen", sagte Erdogan bewusst weit gefasst.

Möglicherweise türkische Soldaten umstellt

Mittlerweile ist ein neues Problem aufgetaucht: Das einem völkerrechtlichen Vertrag gemäß von türkischen Soldaten bewachte Mausoleum von Süleyman Shah auf syrischem Gebiet, südlich von Kobanê, soll von IS-Kämpfern umstellt sein; das Wachkommando sitzt demnach fest.

Bei ihren Luftangriffen am Wochenende zerstörten die USA auch drei behelfsmäßige Ölraffinerien der IS im Norden Syriens. Sie sind eine Geldquelle der Terrormiliz. (Markus Bernath, DER STANDARD, 29.9.2014)

  • Kurdische Männer versuchen am Grenzzaun bei Kobanê Wasser zu bekommen, das von Helfern des Roten Halbmonds auf der türkischen Seite verteilt wird. Die Stadt ist von drei Seiten von islamistischen Kämpfern umstellt.
    foto: reuters / murad sezer

    Kurdische Männer versuchen am Grenzzaun bei Kobanê Wasser zu bekommen, das von Helfern des Roten Halbmonds auf der türkischen Seite verteilt wird. Die Stadt ist von drei Seiten von islamistischen Kämpfern umstellt.

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