Afghanistan: Konzeptlos in den Krieg

Kommentar28. September 2014, 17:37
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Angelobung des neuen Präsidenten als Versuch, die politische Spaltung zu überwinden

Es gehört eine ordentliche Portion Optimismus dazu, die Konstruktion, die heute, Montag, in Kabul die Angelobung des neuen Präsidenten Ashraf Ghani ermöglicht, als Überwindung der politischen Spaltung - oder einer der politischen Spaltungen - Afghanistans zu sehen. Abdullah Abdullah, der seine Niederlage nie akzeptiert hat, wird zu einer Art Superpremier gemacht, in einem System, das diesen Posten gar nicht vorsieht. Es wäre ein halbes Wunder, wenn die beiden Konkurrenten in Zukunft tatsächlich an einem Strang ziehen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie einander gegenseitig das Leben schwermachen.

Im Jahr 2010 lag der Fall im Irak ähnlich: Dort konnte Nuri al-Maliki nur eine Regierung bilden, weil Ayad Allawi mit dem Chefposten eines Superstrategierates abgefertigt wurde, den die Verfassung nicht kannte - und der ohnehin nie gegründet wurde. In kürzester Zeit hatte Maliki Allawi wieder ausgebootet: Dessen sunnitische Wähler wurden zum Grundstock des Aufstands gegen Bagdad, der 2014 dem "Islamischen Staat" den Vormarsch erlaubte.

Afghanistan ist die beste Erinnerung daran, dass die Kriege gegen den Terror oder gegen missliebige Regime immer einen zweiten Teil haben. 2001 und 2003 intervenierten die USA in Afghanistan und im Irak mit schwachen Konzepten für die Zeit nach der Befreiung, die nicht funktionierten. Beim Kampf gegen den "Islamischen Staat" haben sie erst gar keines. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 29.9.2014)

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