Kampf gegen IS - jenseits von Raketen

Kommentar der anderen28. September 2014, 17:07
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Der Kampf gegen den "Islamischen Staat" kann nur auf Basis religiöser Toleranz und Rechtsstaatlichkeit gewonnen werden. Ein Aufruf zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft.

Wien - Die gemeinsame Front gegen IS, die nun mit Luftangriffen und gezielten Bombardierungen ihren unmittelbaren Ausdruck findet, basiert auf einer breiten Allianz, wie US-Präsident Barack Obama betont. Aber schon in diesem frühen Stadium regen sich erste Zweifel, ob die beteiligten arabischen Länder nicht eher eine Feigenblattrolle spielen, denn angeblich wurde die Mehrzahl der Angriffe bisher von Amerikanern geflogen.

Die dramatischen Bilder aus Syrien, dem Irak und dem türkischen Grenzgebiet lassen keine Zweifel daran, dass gehandelt werden muss. Wir sind alle betroffen, es ist nicht (nur) ein Kampf der Religionen, sondern ein Kampf der Barbarei gegen die Menschlichkeit, gegen alles, was uns als Menschheit zusammenhält: der Glaube an Gleichheit, Würde, Respekt - zweifellos geht ein Riss durch dieses Gewebe.

Selbst wenn in einem Best-Case-Szenario das gesamte IS-Leadership weggebombt würde, sorgt ein steter Strom an kampfbereiten Nachwuchskriegern aus allen Himmelsrichtungen von Europa bis Asien dafür, dass IS ihr zerstörerisches Werk fortsetzen kann.

Wir sind gerade aus Indonesien zurückgekehrt, einem Land, das weltweit die größte muslimische Population umfasst. Dort haben wir in Ostjava gemeinsam mit unseren lokalen Partnern ein Programm zur Sensibilisierung von Müttern gegen die Gefahr des gewalttätigen Extremismus in ihren Familien aufgebaut, das Teil eines Sechs-Länder-Projektes von Kaschmir, Sansibar, Indien, Tadschikistan und Pakistan ist. Diesmal war ganz deutlich: IS hat ein neues Klima erzeugt. Ein Klima der Angst, aber auch der Entschlossenheit, alles zu tun, um der Gefahr entgegenzutreten.

Ein Fallbeispiel aus Jember, Ostjava: Bei einer Diskussion mit der Lehrervereinigung der Stadt treffen wir auf Hadijah. Sie ist hier, weil sie überall hingeht, wo sie sich Hilfe verspricht, um ihren 14-jährigen Sohn zu retten. Monatelang war er von der Idee besessen, in den Jemen aufzubrechen, um die reine Auslegung des Islam kennenzulernen.

Reden über die Motive

Nun träumt er vom Jihad in Syrien. Wir lernen auch den Vater kennen. Die Familiendynamik ist kompliziert. Die Mutter war selbst dem Salafismus zugeneigt, bevor sie realisierte, welche Auswirkungen die Ideologie auf ihren Sohn hatte. Ihr gelingt es aber immerhin noch, die Beziehung zum Sohn aufrechtzuerhalten. Der Vater hat eine andere Strategie verfolgt; er hat die Grenzpolizei informiert, damit der Sohn nicht das Land verlassen kann.

Interessant ist, dass nach einigen Tagen der Sohn zu einem Treffen mit uns erscheint, nachdem er gehört hat, dass ein Team von Psychologen unterwegs sei. Was auch immer er sich erwartet haben mag, immerhin, es gab einen ersten Schritt und offensichtlich ein tief sitzendes Unbehagen, das ihn dazu motivierte, mit Fremden zu sprechen.

Die Mutter, die an unserem Programm teilnimmt, das im Wesentlichen darauf zielt, ausreichend Selbstbewusstsein zu entwickeln, um Frühwarnsignale zu erkennen und ernst zu nehmen und die Barriere des Schweigens zu durchdringen, ist schließlich so gestärkt, dass sie in der lokalen Universität eine öffentliche Rede an die studentische Jugend hält. An den Gesichtern der Studierenden ist abzulesen, dass sie nachdenklich und beeindruckt sind.

Dieses Familienszenario spielt sich wahrscheinlich in zahllosen Variationen in vielen Ländern ab. Den Handelnden ist gemeinsam, dass die Verantwortlichen keine Strategien haben. Und die Betroffenen selber haben keine Plattform, selten kompetente Unterstützung, sondern nur das Gefühl der Scham und Isolation.

Religiöse Intoleranz

Indonesien hat zahlreiche Anschläge erlebt und geht immer wieder durch Phasen religiöser Spannungen und Intoleranz. Das Treffen mit einem Opfer des Anschlages auf das Marriott 2003 bringt eine interessante Facette ins Gespräch. "Ich habe meine Hand verloren und schwerste Verbrennungen erlitten. Ja, ich bin ein Terroropfer, aber heute weiß ich, dass viele Terroristen ebenfalls Opfer sind. Sie werden von ihren Peers oft so lange gedrängt und provoziert, bis sie schließlich Ja sagen und mitmachen." Er besucht Terroristen in Gefängnissen in der Überzeugung, dass diejenigen, die heute ihre Tat öffentlich bereuen, ein positives Signal an die Jugend schicken.

Wir hatten auch die Gelegenheit, mit einem Bombenleger aus Westjava zu sprechen. Er hat in einer Kirche eine Bombe gezündet und ist nach vier Jahren Gefängnis wieder auf freiem Fuß. Er wollte sich an Christen rächen, weil er gehört hat, dass sie Muslime töten.

Er selbst ist Sunnite und lehnt "selbstverständlich" Schiiten ab. Er erklärt uns die Hierarchie der Anschlagsplanung: Neben den Drahtziehern gibt es solche wie ihn, die wertvoll sind, weil sie mit der Umgebung des Tatorts vertraut sind. Es gibt sicher kein verlässliches Terroristenprofil, aber er entspricht dem Typus des Handlangers: ungefestigte Persönlichkeit, simples Schwarz-Weiß-Denken, leicht manipulierbar.

Hang-out für junge Radikale

Einen eindrucksvollen Einzelkämpfer gegen gewalttätigen Extremismus treffen wir in Jakarta, einen jungen Mann, der in einem muslimischen Internat sein Zimmer mit zwei Bali-Bombern teilte. Er ist mit seinen Jugendfreunden, die Terroristen wurden, in Kontakt geblieben und hat nun in Westjava ein Restaurant eröffnet, ein Hang-Out für radikalisierte Jugendliche und "Formers", die dort beim Essen ins Gespräch kommen und im Zuge dessen oft auch auf Alternativen zu Mord und Selbstmord. Einige von ihnen gehören mittlerweile als Köche und Kellner zum fixen Personal.

Amerika und seine Verbündeten haben IS zwar den Krieg erklärt, aber ein Element ist unterbelichtet: die Mobilisierung eines zivilgesellschaftlichen Abwehrkampfes, der sorgfältig geplant und vor allem großzügig gefördert werden muss. Die zeitweiligen Gewinne auf den Kriegsschauplätzen gewähren möglicherweise nur Atempausen, eine langfristig effiziente Terrorbekämpfung muss die Zivilbevölkerung mit einbeziehen.

Das soll kein pazifistisches Plädoyer sein, sondern eine Warnung, allein auf Krieg zu setzen. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, Familien und radikalisierungsgefährdete Jugendliche zu sensibilisieren, bevor sie im hoch emotionalisierten Kampf der Ideen und Ideologien die Bodenhaftung verlieren. Der Feldzug gegen die Wahnvorstellungen und die Verführungskraft der IS muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates, der Psychologie und der religiösen Toleranz geführt werden. Ein europäisches Projekt unter österreichischer Führung? (Edit Schlaffer, Ulrich Kropiunigg, DER STANDARD, 29.9.2014)

Edit Schlaffer gründete Frauen ohne Grenzen
Ulrich Kropiunigg fungiert als Forschungsdirektor.

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