Wie Tiroler Knechte ein Stück Österreich nach Bayern trugen

29. September 2014, 12:38
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Grenzkuriositäten zwischen Tirol und dem Allgäu

Jungholz – Im Nachhinein könnte man die historische Tatsache als schlechtes Omen deuten: Ausgerechnet Herzog Friedrich IV. von Tirol, der den Beinamen "Friedl mit der leeren Tasche" trägt, erwarb im Jahr 1432 die heutige Gemeinde Jungholz – und legte damit den Grundstein für einen jahrhundertelangen Streit zwischen Deutschland und Österreich über das kleine Fleckchen Land am Nordrand der Allgäuer Alpen. Die Besiedelung von Jungholz erfolgte zwar anfänglich aller Wahrscheinlichkeit nach vom deutschen Allgäu aus, nach und nach und beinahe unmerklich wurde es aber bereits ab dem frühen 14. Jahrhundert von Tiroler Familien besiedelt – zum späteren Ärgernis der Allgäuer.

Dann gab es dort einen Rechtsbrauch, der lautete: "Der Knecht trägt seinen Herrn auf dem Buckel mit sich." Das hieß nichts anderes, als dass die Untertanen eines Landesherrn diesem selbst dann verpflichtet blieben – und ihm damit Steuern zahlen mussten –, wenn sie in das Hoheitsgebiet eines anderen Landesherrn zogen. Die Tiroler Familien zahlten ihre Abgaben also an die Tiroler Marktgenossenschaft Tannheim. Gefinkelte Österreicher werden deshalb später zu dem Schluss kommen: Jungholz gehört natürlich zu Österreich – und das wegen deutschen Rechts.

Grenzverletzung durch Kuh

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Das Stift Augsburg und später das Königreich Bayern ließen nicht locker mit dem Versuch, das deutsche Stück Österreich wieder zurückzuerobern. Im Jahr 1764 soll sich "ein Jungholzer Weidevieh" auf "angeblich fürstbischöfliches Gebiet" verirrt haben, ist im Jungholzer Dorfbuch zu lesen. Der Pfänder der Marktgemeinde Wertach soll die Kuh deshalb gleich in Verwahrung genommen haben. Die Gemeinde nutzte die "Grenzverletzung" für einen neuerlichen, über Jahrzehnte andauernden Streit, der bis "vor die Obrigkeiten" gebracht wurde – das Ergebnis blieb jedoch dasselbe.

Einmal wäre es für die Jungholzer dann tatsächlich fast knapp geworden: Von 1805 bis 1814 standen ganz Tirol und Vorarlberg unter bayerischer Verwaltung. Damals hätte man Jungholz nur einem bayerischen Landesgericht unterstellen müssen – und hätte – aus bayerischer Sicht – damit den Streit endgültig für sich entscheiden können. Das haben schlampige Behörden damals bloß übersehen:_Man wähnte sich in der falschen Sicherheit, Jungholz sei ohnehin inzwischen längst bayerisch.

Schlussendlich verzichteten die Bayern im Jahr 1851 vertraglich auf Jungholz. Dennoch waren die Bewohner noch über lange Zeit Schikanen und Racheakten aus den umliegenden Gemeinden ausgesetzt. Man habe versucht, die Lage der Jungholzer "durch die niedrigsten Schimpfworte noch mehr zu verbittern", sodass diese "von Tag zu Tag unerträglicher werden müsse", ist der Dorfchronik zu entnehmen.

Jährlich drei Liter Wein

Besser wurde es für die Jungholzer ab 1868 – da schlossen Österreich und Bayern einen Staatsvertrag ab, der Jungholz in das deutsche Zollsystem integrierte. Hier bewiesen die Bayern Generosität: Gestattet wurde, dass jährlich drei Eimer Opferwein für den Gottesdienst aus Tirol abgabenfrei eingeführt werden dürfen. Ab diesem Zeitpunkt galt die deutsche Währung, das Recht, die politische Verwaltung, Schulen und die Post blieben allerdings weiterhin österreichisch.

"All das führte für Außenstehende zu unvorstellbaren Kuriositäten", erzählt der Dorfchronist Max Tauscher. "Wir haben zwei Postleitzahlen und hatten bis kürzlich zwei verschiedene Telefonvorwahlen. Man muss sich vorstellen, vor der Euroeinführung bezahlten wir österreichische Briefmarken mit deutschem Geld, und öster reichische Gendarmen mussten zur Amtshandlung über deutsches Gebiet." Auch sei rege geschmuggelt worden: Tabak, Fern gläser, Fotoapparate – einige Güter waren in Österreich einfach wesentlich günstiger als im benachbarten Bayern.

Besonders kurios ist aber eigentlich eines: Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 und der damit verbundene Wegfall der Grenzen bedeutete für die Jungholzer nicht neue Möglichkeiten im Ausland – nein, man konnte endlich wieder in Österreich einkaufen. (mika, DER STANDARD, 29.9.2014)

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