Blackberry Passport im Test: Zurück in der Nische

Test28. September 2014, 09:21
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Der quadratische "Dinosaurier" ist ungewöhnlich, hat aber einige überraschend gute Eigenheiten

2005 waren mein Handy und ich unzertrennlich. Es war ein Blackberry 7250, eines der ersten, mit denen man auch unterwegs seine E-Mails lesen konnte und nicht an den Schreibtisch gefesselt war.

Alle paar Jahre legte ich mir das neueste Modell zu. Ich mochte vor allem die physische Tastatur, mit der ich schnell auf Nachrichten antworten konnte. Ich klammerte mich so lange wie möglich an Blackberry, doch eines Wintertages im Jahr 2010 war es dann doch vorbei.

Blackberry wurde zum "Dinosaurier"

Die Software ebenso wie die Hardware von Blackberry waren inzwischen so weit hinter Android und dem iPhone zurückgeblieben, dass selbst die physische Tastatur kein Grund mehr war, ein Gerät zu nutzen, das meine Freunde einen "Dinosaurier" nannten.

Anders als das erfolglose Blackberry 10, das auf Alltagsverbraucher zugeschnitten ist, richtet sich das neue Passport an den "power professional". Es hat einen riesigen quadratischen Bildschirm und eine innovative berührungssensible Tastatur – und es sieht kein bisschen wie ein klassisches Blackberry aus. Tatsächlich sieht es überhaupt keinem Telefon ähnlich, das je existiert hat. Doch es will genau in die Nische treten, in der es jahrelang treue Nutzer fand.

Auch Passport lebt in der Vergangenheit

Genau das ist das Problem. Das Passport hat einige neue Tricks auf Lager und eine bessere Akkukapazität als die Konkurrenz, doch es lebt immer noch in der Vergangenheit. "Das ist kein Telefon, das ist ein verformter Laptop!" "Was zur Hölle ist das denn?" Das Schönste an einem Passport sind die Reaktionen anderer, wenn sie das seltsame Design dieses Geräts betrachten.

Tatsächlich ist das Passport so groß wie ein amerikanischer Reisepass. Es ist dicker, aber für seine Größe doch recht elegant, und die Rückseite ist angenehm glatt. Das Verrückteste an dem Gerät ist der Bildschirm, der genau so groß ist wie eine Käsescheiblette. Während andere Smartphone-Hersteller versuchten, den langen, rechteckigen Bildschirm größer zu machen, entschied sich Blackberry für das größtmögliche Quadrat, das noch in eine Hand oder eine Tasche passt.

Quadratischer Bildschirm

Warum ist der Bildschirm überhaupt quadratisch? Teils soll sich das Passport dadurch von der Konkurrenz abheben, gesteht das Unternehmen. Aber es gibt auch einen ganz praktischen Grund: Die breitere Auflösung von 1440x1400 Pixel zeigt mehr horizontalen Text von Webseiten und E-Mails oder mehr Excel-Zellen an. Ich konnte die gesamte Webseite von meinem Spinning-Kurs ansehen, ohne zu zoomen oder das Gerät zu drehen, wie ich es mit einem iPhone 6 oder 6 Plus tun muss.

In solchen Situationen ist das Design nützlich, aber es ist doch nicht nützlich genug, um die unhandliche Form zu rechtfertigen. Durch die Breite habe ich Schwierigkeiten, Teile des Bildschirms zu erreichen, vor allem mit einer Hand, und gelegentlich ließ ich es sogar fallen. (Schaden nahm das Gerät nicht.)

Tastatur ist gewöhnungsbedürftig

Die kleinere, dreireihige Tastatur unter dem Display ist mit für die unpraktische Form verantwortlich. Sie nimmt knapp ein Drittel des Bildschirms ein und macht das Gerät beim Tippen etwas oberlastig.

Problematischer ist, dass sie sich nicht wie eine Blackberry-Tastatur anfühlt. Ja, die Tasten liegen in gutem Abstand und haben den richtigen Winkel, doch die wichtigen Shift-, Zahlen- und Interpunktionstasten fehlen – zumindest physisch. Beim Tippen erscheinen sie auf dem Bildschirm. Das ist stärker gewöhnungsbedürftig als man glaubt. Für mich fühlt es sich an, als käme ich nach Hause und mein Wohnzimmer wäre plötzlich mein Schlafzimmer und das Schlafzimmer mein Bad.

Langsames Tippen

Zu meinen besten Zeiten konnte ich mit meinem verlässlichen Curve 60 Wörter pro Minute tippen, ohne überhaupt nach unten zu schauen. Auf dem Passport schaffe ich nur 45 Wörter pro Minute, und das nach drei Wochen Übung. Dank des verbesserten iOS-Keyboards und dem breiteren Bildschirm des iPhone 6 kann ich auf diesem Gerät jetzt 55 Wörter pro Minute tippen, und das auf einem Touchscreen. (Blackberry wird noch in diesem Jahr ein neues Classic-Gerät mit traditioneller Tastatur auf den Markt bringen.)

Das Passport kann jedoch vorhersehen, was ich gerade tippe, und ich kann damit sogar schneller tippen als mit der entsprechenden Funktion bei Android-Geräten oder iPhones. Man kann über die Tasten nach oben wischen, um eines der vorhergesagten Wörter auszuwählen, oder nach unten, um durch eine E-Mail zu scrollen. Mit einem Wisch nach links löscht man das letzte Wort.

Schwer erlernbar, dann aber praktisch

Das Betriebssystem Blackberry 10.3 ist ähnlich voll mit Gesten, die anfangs schwer zu erlernen, später aber sehr praktisch sind. Anstatt eines Home-Knopfs wischt man vom unteren Rand des Bildschirms nach oben, um eine App zu minimieren. Wischt man auf dem Bildschirm nach links, erreicht man das universelle Postfach, wo alle E-Mails und anderen Nachrichten stehen. So erreicht man sehr leicht die bis heute beste mobile E-Mail-App. Hervorragende Entwurfsfunktionen, die Möglichkeit, Anhänge zu bearbeiten und die Formatierungsoptionen machen Blackberry in diesem Bereich besser als die vorinstallierten iOS- und Android-Programme.

Einige Features sind innovativ

Es gibt noch andere Funktionen des Betriebssystems, die besser sind als bei der Konkurrenz. Benachrichtigungen werden auf dem Sperrbildschirm nach App geordnet angezeigt, und es ist besonders einfach, zwischen verschiedenen Apps zu wechseln. Mit Blackberry Balance kann man Geschäftsanrufe und –Daten verschlüsseln und abseits von persönlichen Inhalten speichern. Der Akku hielt länger als der des neuen iPhone 6 und des Moto X.

Doch in jeder anderen Ansicht hinkt Blackberry Jahre hinterher. Die Karten-App, die auf Daten von TomTom basiert, ist unverzeihlich langsam und konnte verschiedene Sehenswürdigkeiten in New York City nicht finden.Google Maps lieferte da bessere Ergebnisse, jedoch musste ich diesen Dienst auf dem Passport über den Webbrowser öffnen. Mit dem Gerät kann man auf zwei App Stores zugreifen – Blackberry World und den von Amazon, und doch fehlen wichtige Apps, die ich täglich nutze, darunter Google Maps, Uber und Snapchat. Und obwohl der Bildschirm quadratisch ist, gibt es keine Instagram-App. Die 13-Megapixel-Kamera des Passport schießt ohnehin keine besonders guten Bilder.

Große Apps wie Facebook, Twitter, Linkedin und Yelp sind zwar im Angebot, doch sie sind langsamer und hässlicher als die iPhone- und Android-Versionen.

Täglich neue Apps

Blackberry erklärt, dass die Auswahl an Apps täglich aktualisiert wird. Doch der Chief Operating Officer des Unternehmens, Marty Beard, gesteht, dass viele Blackberry-Nutzer auch ein Android- oder Apple-Gerät mit sich tragen – fast 40 Prozent.

Selbst wenn ich zwei Geräte bei mir tragen würde, würde ich mir kein Passport kaufen. Das sperrige Design und die ungewohnte Tastatur machen es zu unattraktiv, um dafür in meiner Tasche Platz zu machen.

Ich brauche auch kein langlebiges, E-Mail-zentriertes Arbeits-Smartphone mehr. Mit modernen Smartphones werden wir nicht nur "power professionals", sondern auch Power-Eltern, Power-Sportler und mehr. Und wir kommunizieren dabei nicht nur über das Postfach.

Wenn ich in der Zeit zurückreisen und Blackberry davor bewahren könnte, seine Magie zu verlieren, würde ich es tun. Aber das wäre dann ein ganz anderer Film. (Joanna Stern, WSJ.de/derStandard.at, 28.9.2014)

  • Die quadratische Form des neuen Blackberry erstaunt
    pressefoto/blackberry

    Die quadratische Form des neuen Blackberry erstaunt

  • In den ersten Tagen nach US-Veröffentlichung sollen bis zu 200.000 Geräte verkauft worden sein.
    pressefoto/blackberry

    In den ersten Tagen nach US-Veröffentlichung sollen bis zu 200.000 Geräte verkauft worden sein.

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