Rosental, 1924: Die Kleingartenvision eines neuen Wien

Video29. September 2014, 16:39
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In dieser Folge der "Stadtfilme": Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden rund um die Hauptstadt neue Siedlungen - und die Idee eines Kollektivismus vor dem Konzept des Roten Wien

Hundert Jahre Erster Weltkrieg - sein Ende bedeutete nicht nur den Untergang Habsburgs, sondern läutete auch eine neue Ära für Wien ein. "Die grüne Stadt Rosental bei Wien" aus dem Jahr 1924 hält einen Ausschnitt der neuen Zeiten fest: das Kommen der Siedler und Kleingärtner. Der Film ist auf 35-Millimeter-Material - "großes Kino"-Format - gedreht und von knapp elfminütiger Dauer. Inserts geben als Produzenten die "Industrie Film" und das "Siedlungsmuseum Wien" an.

Doch wie gar nicht so selten bei Gebrauchsfilmen bleiben Rätsel. Der Film ist ein Puzzle. Neben der titelgebenden Genossenschaftssiedlung Rosental sieht man auch andere, sogar aus dem steirischen Knittelfeld. Werbung hieß 1924 noch "zeigen und benennen", nicht "erzählen". Deshalb gibt uns die Kompilation keine inneren Hinweise darauf, welche die ursprüngliche Anordnung der Szenen hätte sein können. Doch darauf kommt es nicht an. "Rosental" hält zweierlei für Wien überaus wichtiges fest.

Der Stolz der Genossenschaften und ein Piktogramm-Erfinder

Zum ersten: Als nach dem Krieg tausende "wilde Siedlungen" an den Stadträndern geschaffen wurde, blitzte eine neue Idee auf - die alternative Stadt, beruhend auf Eigenarbeit, Selbstversorgung und Kooperation (verhältnismäßig) Gleicher. Das berühmte "Rote Wien", die Stadt der legendären Gemeindebauten, entstand erst später und beendete die Vision zugunsten von Urbanität. "Rosental" zeigt nochmals, worauf die Genossenschaften stolz waren. (Und ja: Heute wissen wir wie politisch selbst die Bienenzucht sein kann.)

Zweitens aber: Der Film zeigt auch eine Wiener Einrichtung von Weltgeltung und deren Begründer. Das "Siedlungsmuseum" aka "Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum" wurde ein renommiertes Wissenszentrum, und sein Leiter Otto Neurath - der mächtige Mann am Podium mit Glatze und Bart - wird noch heute bewundert wegen der Erfindung der "Wiener Bildstatistik", die (als stets aktualisierte "Isotype") omnipräsent ist. Denken sie an den Herrn, wenn sie nächstens im Multiplex nach den Fluchtweg-Tafeln suchen. (Siegfried Mattl, LBI/derStandard.at, 29.9.2014)

österreichisches filmmuseum
Details zu Schauplätzen und allgemeine Infos zum Film auf stadtfilm-wien.at
Österreichisches Filmmuseum
Zur Serie "Stadtfilme": Anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Österreichisches Filmmuseum" zeigen derStandard.at und das Filmmuseum Amateurfilme, Wochenschauen, Werbe- und Industriefilme sowie Dokumentationen – gedreht in Wien zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1970er-Jahren.
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