Ein Fünkchen Anarchie an Orten der Kontrolle

26. September 2014, 22:49
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Kulturwissenschaftliche Tagung in Salzburg beschäftigte sich mit der Sozialität der Fußballstadien

Hochauflösende Überwachungskameras, Stadionverbote, keine Chance für Pyrotechnik. Fußballstadien der Moderne werden zunehmend zu Räumen der Kontrolle und Überwachung. Zu diesem Schluss kam am Freitag der Wiener Kulturwissenschaftler Roman Horak (Universität für angewandte Kunst) bei der ersten Fußballtagung der Universität Salzburg.

"Parallel dazu ist das Stadion aber auch ein Raum, in dem etwas passieren kann. Nicht nur auf dem Rasen, auch auf der Zuschauertribüne. Da werden noch Grenzen gesprengt, da gibt es Momente des Anarchischen, Kannibalischen. Die Grenzen des Anstands und der Sitte werden hier noch für einen Augenblick aufgehoben."

Das Spektakel der Fans sei ein Rest dieses archaischen Erbes in der Gegenwart - auch wenn es zunehmend zurückgedrängt werde. "Ob es bleibt, weiß ich nicht", sagte Horak, der dazu eine Utopie aus den 1970er Jahren aufgriff. "Irgendwann kommen nur mehr Zuseher ins Stadion, die dafür bezahlt werden. Sie kommen für die Fernsehbilder, das Publikum wird zum Rohmaterial für das TV. Ich hoffe nicht, dass wir da enden." Allerdings verortete Horak die zunehmende Reglementierung nicht allein beim Fußball, sondern generell in der Gesellschaft - etwa bei Demonstrationsverboten oder dem Vorgehen der Exekutive gegen Protestkundgebungen.

Sehr eigene Orte

Stadien an sich seien allgemein sehr eigene Orte. "Sie werden so gut wie nie bespielt, selbst große Opernhäuser sind regelmäßiger besetzt." Es handle sich de facto um Immobilien, die meist leer stehen, oft im wertvollen Stadtraum, und nur alle zwei Wochen benützt werden. Darum habe es auch die Veränderung hin zu Multifunktionsstadien gegeben. "In der Veltins-Arena in Gelsenkirchen kann man sogar heiraten oder Business-Meetings abhalten", betonte Horak.

Nicht zuletzt seien Fußballstadien aber Orte der Geborgenheit, Vertrautheit und Sicherheit. "Das Hanappi-Stadion ist ja zum Beispiel auch mit einer Idee verbunden, da gehört man als Rapid-Anhänger hin. Das ist ein Ort, dem man emotional zugewandt ist." Darum auch die quasi religiöse Bezeichnung "Sankt Hanappi", so Horak. (APA, 26.09.2014)

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