IS-Kämpfer nur mehr zehn Kilometer vor kurdischer Stadt Kobane

27. September 2014, 20:13
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Kurden bitten um Unterstützung der internationalen Gemeinschaft - Türkei soll bei Flüchtlingszahlen übertrieben haben

Frankfurt/Kobane - Die von den USA geführte Allianz hat am Samstag erneut Luftangriffe auf Stellungen der Extremistengruppe "Islamischer Staat" (IS) in Syrien geflogen. In der nordsyrischen kurdischen Stadt Kobane (Ayn al-Arab) bleibt die Lage aber trotzdem dramatisch.

Erstmals haben am Samstag Raketen der jihadistischen Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) laut Aktivisten die Stadt getroffen. Zwölf Einwohner wurden dabei verletzt. Seit Beginn der IS-Angriffe auf die Stadt am 16. September, seien das die ersten Raketeneinschläge im Ort gewesen, sagte Rami Abdel Rahman, Chef der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Anschlag in Vorort von Kobane

Bei Kämpfen rund um die syrische Grenzstadt Kobane haben IS-Milizen nach Angaben einer Menschenrechtsgruppe in den vergangenen fünf Tagen 40 kurdische Kämpfer getötet. Darunter seien auch zahlreiche Opfer eines Selbstmordanschlags, der sich in einem westlichen Vorort von Kobane ereignet habe, berichtete die regierungskritische Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte am Samstag. Der Selbstmordattentäter des sogenannten Islamischen Staats (IS) habe dabei ein Fahrzeug gefahren, das als Hilfskonvoi getarnt gewesen sei. Es blieb unklar, wann genau sich der Anschlag ereignet hatte.

Geschosse fliegen in Türkei

Auf türkischem Territorium an der Grenze zu Syrien schlugen erneut Geschosse ein. Zwei Menschen wurden auf türkischer Seite verletzt. Gleichzeitig hätten Flugzeuge der US-geführten Anti-IS-Allianz erstmals Stellungen der Jihadisten in Dörfern nahe Kobane bombardiert. Das bestätigte das US-Zentralkommando in Tampa (Florida) am Samstag. Demnach wurden am Freitag und Samstag insgesamt sieben Ziele in Syrien - darunter auch in der Nähe von Kobane - angegriffen.

Die kurdische Enklave an der syrisch-türkischen Grenze war vor über einer Woche von IS-Kämpfern umzingelt worden. Bei ihrem Vormarsch hatten die Jihadisten mehr als 60 Dörfer im Umland eingenommen. Mehr als 160.000 Menschen flohen seither Richtung Norden in die Türkei. Die Jihadisten stehen nach Angaben von Augenzeugen bis zu zehn Kilometern vor Kobane.

Nur 15.000 bis 20.000 Flüchtlinge, nicht 144.000

Die Türkei hat Angaben zur Zahl kurdischer Flüchtlinge aus Syrien einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") zufolge stark übertrieben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hatte am Donnerstag mitgeteilt, mehr als 144.000 Menschen seien vor der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) aus der Region Ayn Al-Arab (kurdisch: Kobane) im Norden Syriens in die Türkei geflüchtet.

Diese Angaben habe das UNHCR offenbar ungeprüft von der Türkei übernommen, schrieb die Zeitung am Samstag weiter. Tatsächlich seien nur 15.000 bis 20.000 Menschen gekommen, zitierte die "FAS" die Bürgermeisterin der türkischen Grenzstadt Suruc, Zühal Ekmez. Aus politischen Gründen werde die Zahl jedoch weit übertrieben. Die Türkei wolle damit ihrem Plan Vorschub leisten, die ihr unliebsamen autonomen kurdischen Gebiete in Syrien zu menschenleeren "Pufferzonen" zu erklären. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu sprach am Freitag sogar von mehr als 160.000 Flüchtlingen.

Kurden fordern mehr Unterstützung

"Wir wenden uns an die NATO, die Europäische Union und alle internationalen Institutionen", heißt es in einer Aussendung am Freitag vom "Kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit" mit Sitz in Deutschland. "Verhindert ein mögliches Massaker in Kobane, so schnell wie möglich", fordert darin Salih Müslim, der Kovorsitzende der Partei der demokratischen Union (PYD).

Die Ortschaft Kobane sei "von einer Eroberung durch die Terrorbanden des Islamischen Staates bedroht", heißt es weiter. Das Kurdische Zentrum macht in seiner Aussendung die Türkei für die Belagerung der Ortschaft vom IS mitverantwortlich. "Weiterhin unterstützt vom türkischen Staat greift der IS von drei Fronten weiterhin Kobane an."

Demo in Wien

Bei einer Kundgebung vor der UNO-City in Wien haben am Samstag die Teilnehmer gegen die Angriffe im syrischen Ayn Al-Arab (kurdisch: Kobane) protestiert. Die internationale Öffentlichkeit wurde laut einer Aussendung des Verbands Kurdischer Vereine in Österreich (FEYKOM) aufgerufen, ihr "Schweigen" über die "brutalen Angriffe" zu beenden.

"Der Kampf gegen den IS darf nicht punktuell und regional, sondern muss global, einheitlich und konsequent geführt werden", hieß es vonseiten der Kurden-Vertreter. Die Türkei wurde zugleich der "offensichtlichen Unterstützung" der IS bezichtigt. Die "internationalen Kräfte" müssten dafür sorgen, dass diese Unterstützung unterbunden wird.

Laut den Veranstaltern nahmen 200 Personen an der Demo teil, die Polizei ging von 100 aus. Es gab zunächst keine Zwischenfälle, hieß es vonseiten der Polizei.

Schulung für kurdische Soldaten in Bayern

In der Infanterieschule Hammelburg in Bayern hat unterdessen die Ausbildung kurdischer Soldaten begonnen. Sie würden in der Handhabung von Panzerabwehrraketen des Typs "Milan" unterwiesen, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Samstag in Berlin. Geplant war die Schulung von etwa 30 Kämpfern.

Zur Bekämpfung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sollen die Peshmerga-Soldaten im Nordirak unter anderem 500 dieser Raketen, 16.000 Gewehre und mehrere Millionen Schuss Munition bekommen. Deutschland will 10.000 Kämpfer ausrüsten.

Der Transport der Waffen aus Bundeswehrbeständen in den Nordirak hatte am Donnerstag begonnen. In der kurdischen Hauptstadt Erbil gibt es nach Angaben des Sprechers jetzt eine "qualifizierte Einweisung" in die Nutzung der weniger komplizierten Waffen. Die dafür vorgesehenen sechs Fallschirmjäger und ein Sanitäter waren erst mit mehrtägiger Verspätung im Irak eingetroffen, weil sie wegen einer defekten Transall in Bulgarien auf eine Ersatzmaschine warten mussten. (APA, 26.9.2014)

  • Nach wie vor sind viele Menschen um und aus Kobane auf der Flucht. Einige Männer kehren um, um zu kämpfen.
    foto: reuters/sezer

    Nach wie vor sind viele Menschen um und aus Kobane auf der Flucht. Einige Männer kehren um, um zu kämpfen.

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