Müssen wir das österreichische Buch retten?

Kommentar der anderen26. September 2014, 17:17
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Ein wichtiges Instrument nationaler Selbstfindung in einer Zeit des radikalen Umbruchs

Kunstminister Josef Ostermayer hat zwei Maßnahmen angekündigt, um den österreichischen Buchhandel zu stärken: eine Anpassung des Gesetzes, das den festen Ladenpreis für Bücher künftig auch für E-Books regelt, sowie eine Erhöhung der Förderung österreichischer Verlage um zehn Prozent.

Das ist aufs Erste eine Initiative, für die vieles spricht: Kulturelle Identitäten machen sich traditionell am Geschriebenen fest und am Lesen. So ist es angebracht zu fragen: Wie können wir gewährleisten, dass es auch künftig in Österreich geeignete Voraussetzungen gibt für eine vielfältige lokale Buchproduktion aus Belletristik, Sachbuch, Kinderbuch und Fachbuch - und dass diese Publikationen auch ein Publikum finden?

Das gesamte Ökosystem aus Buch und Lesen, Autorenschaft, Verlegerei, Buchhandel, aber auch das Verhältnis zwischen nationaler und globaler Kultur, ist radikal im Umbruch begriffen - ganz so wie bei Musik, Film und, gerade jetzt, TV (siehe Netflix und andere Abo-Angebote). Deshalb ist die scheinbar simple Anpassung von Buchpreisgesetz und Förderung jedoch komplexer als gedacht - umso mehr, als es um das "österreichische Buch", wie man lokalpatriotisch formulieren mag, nicht gut bestellt ist. Hier ein kurzer Faktencheck.

Mit Umsätzen von zuletzt 761 Millionen Euro (2013) schrumpft die Buchbranche in Österreich seit mehr als einem Jahrzehnt kontinuierlich. Auch die Einnahmen österreichischer Verlage gehen zurück, auf aktuell rund 95 Millionen. Was österreichische Konsumenten für Buch und Lektüre ausgeben, ist traditionell von Importen aus Deutschland dominiert, ganz ähnlich wie bei anderen kleinen und großen Nachbarländern gleicher Sprache. Bloß, während die Importe aus Deutschland kontinuierlich zunehmen, verfallen die Exporte österreichischer Bücher nach Deutschland regelrecht.

Seit 1992 gibt es eine Verlagsförderung mit dem Ziel, österreichische Verlage in dieser schwierigen Situation zu stärken. Viele kulturell relevante Titel könnten ohne Förderung nicht erscheinen, argumentieren Verleger durchaus plausibel. Aber der Titelausstoß, angewachsen von 7809 Titeln 2002 auf 10.253 acht Jahre später, hat sich entkoppelt von Marktentwicklung und Zielpublikum.

Das Buchgeschäft verlagert sich massiv in Richtung Online, was den herkömmlichen Handel in eine Krise stürzt. Der Konkurs der zweitgrößten deutschsprachigen Buchhandelskette, Weltbild, im Frühjahr, so wird versichert, berühre die österreichische Tochter nicht wesentlich. Aber wie soll das auf Dauer gehen, wenn die Logistik von Augsburg und, unter dem neuen Eigentümer, aus der Schweiz gesteuert wird? Auch Thalia, mit großen Auftritten in Linz und Wien, steht zum Verkauf. Über die Geschäftsentwicklung bei den regionalen Buchhandelsketten lässt sich nur spekulieren. In Deutschland wird Amazon klar als Branchenführer im Buchhandel gelistet, was wohl ähnlich für Österreich gilt.

Die Zukunftstrends begünstigen die neuen Anbieter und offerieren im besten Fall auch interessante Chancen für innovative kleine bzw. lokale Akteure. Neben dem Zuwachs bei E-Books entstehen aktuell Abo-Modelle - gewissermaßen ein Netflix oder Spotify für (legal) über Smartphone, Tabletcomputer oder E-Reader lesbare Bücher. Hier könnten Leihbibliotheken einsteigen - was jedoch verständlicherweise von den Verlagen kritisch beäugt wird.

Verlage, die E-Books veröffentlichen, erlösen in Deutschland rund zehn Prozent ihres Umsatzes digital. Bei belletristischen Neuerscheinungen liegt der Anteil ein gutes Stück höher. Auch dies dürfte ähnlich für Österreich gelten. E-Books sind im insgesamt stagnierenden Buchmarkt der einzige Bereich für Zuwächse. Bislang läuft dies massiv zugunsten der bereits heute marktbeherrschenden Akteure - also der größten Verlagskonzerne sowie Amazon. Für die sehr kleinteiligen österreichischen Verlage eine große Herausforderung. Aber halt! Manche heimische Verlage erkennen darin eine Chance. Schon vor einem Jahr, als die neue, digitale Liga erst Gestalt annahm, meinte einer: "Bei den traditionellen Buchketten kriege ich nicht einmal einen Termin beim Einkäufer. Über Amazon kann ich meine E-Books auf fast gleicher Augenhöhe vertreiben wie die Großen."

Ein Vorstoß der Politik in Sachen Buch ist deshalb wichtig und kommt zur rechten Zeit. Aber es gilt, präzise zu definieren: Was ist das Ziel? Sowie: Welche Maßnahmen taugen, um dieses Ziel zu erreichen? Da geht es sowohl um komplizierte Details (Stichwort hohe Mehrwertsteuer auf E-Books) wie um kulturpolitische Grundsätze: Wie lassen sich kleine heimische Verlage und Buchhandlungen für eine Rundumerneuerung gewinnen?

Das Thema gewinnt rasch an Brisanz: Förderung von Kunst und Kultur aus öffentlichen Mitteln ist seit den 1970er-Jahren ein erfolgreiches Element österreichischer Identitätsfindung. Doch muss dieses Instrumentarium vom Bürger als zeitgemäß anerkannt werden. Die Flut wütender Postings gegen öffentliche Unterstützung von Kunst und Kultur setzt heute selbst beim Nischenthema Buchpreisbindung ein und baut sich um das Thema Festplattenabgabe und Künstlerabgeltung zur Lawine auf. Ein gut durchdachter Vorstoß in Sachen Buch kann da beispielgebend sein. (Rüdiger Wischenbart, DER STANDARD, 27.9.2014)

Rüdiger Wischenbart gibt das Global Ranking of the Publishing Industry sowie den Global eBook Report heraus und beobachtet die Veränderungen von kulturellen Märkten weltweit. www.wischenbart.com

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