Ob im Biergarten oder am Mittagstisch: Immer dem Volk aufs Maul

26. September 2014, 17:31
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"Dramolette: Imma nu schee" schließt am Salzburger Landestheater junge Autorinnen und Autoren mit Thomas Bernhard kurz

Salzburg - Netzbeschmutzer kommen nie aus der Mode. Einen wie Thomas Bernhard hat man - wiewohl verflucht - gebraucht, damals in den verlogenen, hinterfotzigen Nachkriegsjahren. Heutzutage ist es um das Zwischenmenschliche zwar anders, aber nicht besser bestellt. Und so ist es eine löbliche Bemühung, die das Salzburger Landestheater unternommen hat: In einem Uraufführungsprojekt zusammen mit dem Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin (geleitet von John von Düffel) äußern junge Autorinnen und Autoren (die ältesten Jahrgang 1986, die jüngsten Jahrgang 1993) ihre Sicht auf Bernhards Deutschen Mittagstisch. D'rent und herent, so ihr Fazit, in Deutschland wie in Österreich: dasselbe Elend.

An den Kammerspielen wurden ihre Texte nun als Dramolette: Imma nu schee im Zuge eines zweiteiligen Abends uraufgeführt; Regie führte Claus Tröger. Ein sechzigminütiger Teil präsentiert die Texte des deutsch-österreichischen Nachwuchses, verbunden durch das dazwischengeschaltete Gstanzl Imma nu schee von Thomas Köck. Im zweiten, fünfzigminütigen Teil, bieten Bernhards Maiandacht, Match, A Doda und Der deutsche Mittagstisch Gelegenheit, Querbezüge zu entdecken und Vergleiche zu ziehen.

Während im zweiten Teil eine strenge, rote Sitzbank im Zentrum steht, wurde der erste Teil in einen Biergarten (Ausstattung: Katja Schindowski) verlegt. Einen passenderen Schauplatz für die Menschenbeobachtungen von Paul Bullinger, Elsa-Sophie Donata Jach, Nadine Kaufmann, Thomas Köck, Edda Reimann, Fanny Sorgo und Stefan Wipplinger hätte es kaum gegeben. Auf grasgrünem Plastikrasen, von niedlichen weißen Latten umzäunt, schaut man hier dem Volk aufs Maul.

Wiewohl auf hohem Niveau, bleiben manche der Texte dabei eng am Bernhard'schen Vorbild, zuweilen grenzt es an Epigonentum. Was bei Bernhard der Hass auf die Türken und Jugoslawen war, der langsam hervorbricht, trifft hier die Afrikaner, die Roma, die Thai-Frau. Die Zeiten ändern sich halt. Dargeboten werden die Minidramen und Texte von Britta Bayer, Sofie Gross, Eva Christine Just, Axel Meinhardt, Hanno Waldner, Georg Clementi und Jean Jacquelin Jean Jacques in den vielen guten Momenten mit jenem latent bösartigen Gesempere, das die alltägliche, fast folkloristische bayerisch-österreichische Garstig-keit auszeichnet.

Besonders im ersten Teil endet das zuweilen in allzu dumpfem Bierzelt-Geplärre. Nicht, dass es das nicht auch gäbe. Nur: Die feine Klinge, die das Vorbild dieses Abends so schön geführt hat - die ist oft entlarvender als bloßes Dreinschlagen.

Wohin mit dem "Fascho"?

Die feine Klinge in der Riege der Nachwuchsautoren beherrscht allen voran Paul Bullinger: Sein Der deutsche Kreißsaal. Dramolett für den Frieden zeigt, wie man die Bernhard'sche Entlarvung der Untiefen menschlichen Denkens in eine zeitgenössische Dramatik überführen kann. Es erzählt von einem Ehepaar, das nach der Geburt auf die Frage, was es denn sei, zu hören bekommt: "ein Faschist".

Axel Meinhardt und Britta Bayer als Elternpaar zeigen, kongenial in ihrem hysterischen, aber perfekt getakteten Spiel, die Widersprüche politischer Korrektheit. So einen "Fascho" kann man schließlich nicht mit nach Hause nehmen. Denn: "Was soll denn aus dem werden später?" So hintersinnig ist selten gezeigt worden, wie weit Vorurteile über angeblich inkarniertes Denken und Verhalten gehen können - egal von welcher Seite aus. Oder, wie es Bernhard immer noch am schönsten gesagt hat: In jeder Suppe kann man einen Nazi finden. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 27.9.2014)

  • Ob damals oder heute, Jugoslawen oder Afrikaner - am deutschen Mittagstisch findet man immer noch in jeder Suppe einen Nazi.
    foto: christina canaval

    Ob damals oder heute, Jugoslawen oder Afrikaner - am deutschen Mittagstisch findet man immer noch in jeder Suppe einen Nazi.

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