Der Fluch des Goldes

27. September 2014, 15:00
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Den Mayas aus San Marcos in Guatemala wurde vor Errichtung der Goldmine Marlin vom Bergbaugiganten Coldcorp Wohlstand versprochen

Maisfelder, so weit das Auge reicht, dahinter ragen Pinien in den strahlend blauen Himmel. In Serpentinen schlängelt sich die Straße über die imposanten Berge. In dieser Hochebene leben die Mam, eines der Völker der Maya-Kultur. San Miguel Ixtahuacán ist ein beschaulicher Weiler in der Provinz San Marcos, nur ab und zu donnert ein schwerbeladener Lastwagen vorbei. Crisanta Pérez ist hier eine Galionsfigur des indigenen Widerstands. Wie die meisten Frauen trägt sie die traditionelle Tracht. Sieben Kinder hat sie auf die Welt gebracht.

Laut Human Development Index ist Guatemala eines der am wenigsten entwickelten Länder Lateinamerikas. Dabei gibt es Wasser in Hülle und Fülle, fruchtbare Äcker, eine üppige Tier- und Pflanzenwelt. Doch das koloniale Erbe und 36 Jahre Bürgerkrieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Besonders der Reichtum an Bodenschätzen ist der Fluch dieses Erdteils. "Mitte der Neunziger sind hier die ersten Fremden aufgetaucht. Sie sind auf den Grundstücken herumspaziert, und wir wussten nicht, worum es ging", sagt Pérez. Zwei Jahre später hätten sie angefangen, Land aufzukaufen. Schließlich verkündete der Bürgermeister, dass der Bau einer Goldmine geplant sei.

Giftiges Zyanid eingesetzt

Es beginnt mit Gesteinsproben der Geologen. Liefern diese positive Ergebnisse, erwirbt die Bergbaufirma eine Abbaulizenz. Selbst bei einem niedrigen Vorkommen von 0,5 Gramm Edelmetall pro Tonne Gestein kann sich die industrielle Goldförderung noch lohnen.

Hinter dem Projekt in San Marcos steht der kanadische Bergbaugigant Goldcorp Inc. "Sie haben gesagt: Wenn ihr nicht verkauft, sind wir nicht für mögliche Schäden verantwortlich. Dann kamen die Strommasten auf mein Grundstück. Ich habe aber nie meine Zustimmung dafür gegeben. Daher haben eine Nachbarin und ich angefangen, die Masten zu entankern", erzählt Pérez. Dabei grinst die stolze Señora wie ein freches Mädchen.

Hektar um Hektar wurde gerodet, Dorf um Dorf umgesiedelt. Viele verkauften ihr Stück Land zu Spottpreisen, doch Crisanta Pérez wollte immer noch nicht weg. 2005 nahm die Mine Marlin schließlich ihren Betrieb auf. Sie firmiert unter dem Namen der Goldcorp-Tochter Montana Exploradora de Guatemala S.A. Tonnen von Gestein wurden bewegt und das Gold mit hochgiftigem Zyanid herausgewaschen.

Brunnen im Dorf versiegt

Eine Goldmine verbraucht in einer Stunde so viel Wasser wie eine Bauernfamilie in zwanzig Jahren. In San Miguel Ixtahuacán sind längst die Brunnen versiegt. In Marlin wird sowohl unter Tage als auch über Tag abgebaut. Die Region gleicht einer Mondlandschaft. Internationale Medien wurden bald auf Marlin aufmerksam. Goldcorp wies die Verantwortung für jegliche Form der Kontamination zurück. Einige Kinder entwickelten Lähmungserscheinungen. Weitaus mehr haben chronischen Hautausschlag oder Asthma. Glaubt man den Gegnern der Mine, sind auch Fehlgeburten und Krebs heute weit häufiger als früher. "Die gelähmten Kinder haben viel im Fluss gebadet. Auch heute noch nutzen wir das Wasser zum Waschen und zum Gießen unserer Pflanzen. Es ist vergiftet, aber wir haben kein anderes", sagt ein Bewohner.

Bei Abstimmungen sprachen sich elf von dreizehn ansässigen indigenen Gemeinden gegen die Mine aus. Goldcorp weigerte sich jedoch, das Referendum anzuerkennen. Crisanta Pérez schloss sich mit anderen Widerständlern zusammen. Nach einer tagelangen Straßensperre rückten mehr als hundert Polizisten aus. Auch der private Sicherheitsdienst der Firma ging immer aggressiver vor. Viele Demonstranten landeten in Untersuchungshaft. Pérez hatte Glück.

Die Bergbaubranche erzielt unterdessen Rekordgewinne. Lange Zeit kennt der Goldpreis nur eine Richtung: steil nach oben. Trotz des aktuellen Auf und Abs an der Börse bleibt der Bergbau weiterhin ein lohnendes Geschäft.

Die Lizenz für Marlin läuft mit Ende 2015 aus. Egal, ob man sich für oder gegen eine Verlängerung entscheidet, die Geologen der Goldcorp nehmen ihre Proben längst auch andernorts.

Der kanadische Bergbaukonzern Goldcorp baut im Westen von Guatemala Gold im großen Stil ab. Sehr zum Leidwesen der indigenen Bevölkerung, denn aus dem erhofften Wohlstand wurde nichts. (Klaus Brunner aus San Miguel Ixtahuacán, DER STANDARD, 27.9.2014)

  • Der kanadische Bergbaukonzern Goldcorp baut im Westen von Guatemala Gold im großen Stil ab. Sehr zum Leidwesen der indigenen Bevölkerung, denn aus dem erhofften Wohlstand wurde nichts.
    foto: reuters / daniel leclair

    Der kanadische Bergbaukonzern Goldcorp baut im Westen von Guatemala Gold im großen Stil ab. Sehr zum Leidwesen der indigenen Bevölkerung, denn aus dem erhofften Wohlstand wurde nichts.

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