"Kollektiv betrachtet bringen wir uns um"

Interview27. September 2014, 17:00
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Wenn alle damit beschäftigt sind, ihre Schulden zurückzuzahlen, kollabiert die Wirtschaft. Ökonom Richard Koo ruft die Europäer auf, mehr Schulden zu machen

STANDARD: Ihre Arbeit über die Bilanzrezessionen in Europa und Japan hat Sie berühmt gemacht. Aber was ist das eigentlich genau?

Koo: Bilanzrezessionen kommen zum Glück nur selten vor, und zwar immer dann, wenn eine mit Schulden finanzierte Immobilienblase platzt. Wenn das geschieht, beginnen die Häuserpreise zu fallen. Unternehmen und Haushalte realisieren mit einem Schlag, dass ihrem Schuldenberg kein Vermögen mehr gegenübersteht. Streng genommen ist ein großer Teil des Privatsektors bankrott. Aber die meisten Menschen und Firmen haben weiter ein Einkommen. Mit diesem beginnen sie langsam ihren Schuldenberg abzutragen. Aber wenn in einer Volkswirtschaft alle anfangen, Schulden zurückzuzahlen, und ansonsten nicht mehr investieren, schrumpft die Wirtschaft. Das ist dann eine Bilanzrezession.

STANDARD: Sie sagen, Japan steckt seit 20 Jahren in einer Bilanzrezession und Europa seit dem Jahr 2008.

Koo: Ich habe das Konzept in den 90er-Jahren aus den Erfahrungen Japans entwickelt. In Japan sind die Leitzinsen seit 20 Jahren bei null, Geld ist also extrem billig, trotzdem will kaum jemand einen Kredit haben, alle zahlen ihre Schulden zurück oder sparen an. Die Eurozone und die USA sind 2008 ebenfalls in eine Bilanzrezession gefallen. Aber zum Glück für die USA haben viele der Entscheidungsträger mein Buch The Wholy Grail of Macroeconomics gelesen, Ex-Notenbankchef Ben Bernanke etwa hat meinen Thesen zugestimmt und erkannt, an welcher Krankheit die USA leiden. Daraufhin haben die Amerikaner ihre Strategie geändert, weshalb sie besser als Europa dastehen.

STANDARD: Was ist denn die richtige Strategie für Europa?

Koo: Die meisten Staaten haben versucht, die Krise durch ein Eingreifen der Notenbanken zu überwinden. Geld wurde gedruckt und billig gemacht, damit die Kreditvergabe in Gang kommt. Die Europäische Zentralbank forciert diesen Kurs weiter. Aber die Strategie ist ziemlich sinnlos. Man kann alles Geld der Welt in den Bankensektor reinstopfen. Solange niemand Kredite braucht, weil alle ihre Bilanzen reparieren, wird es nichts bringen. Wenn die Privaten ausfallen, müssen die Regierungen mehr Schulden machen und mehr ausgeben. Damit stützen sie die Wirtschaft so lange, bis Unternehmen und Haushalte wieder bereit sind zu investieren.

STANDARD: Geld ausgeben wofür? Schulen. Straßen, Forschung?

Koo: Makroökonomisch betrachtet ist es völlig egal, wofür Geld ausgegeben wird, solange es geschieht. Wenn man sich historische Beispiele ansieht, erkennt man, dass die meisten Länder Bilanzrezessionen mit einem Krieg überwunden haben. Aber ich will damit natürlich nicht nahelegen, dass Europa nun einen Militärfeldzug beginnt.

STANDARD: Sie sagen, die Europäer sollen mehr ausgeben. Aber 2012 stand die Eurozone vor dem Kollaps, weil Investoren hochverschuldeten Ländern wie Spanien, Portugal nicht mehr trauten.

Koo: Wenn man sich die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ansieht, stellt man fest, dass der spanische Privatsektor derzeit eine Sparquote von rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung hat. Trotz der Nullzinsen geben Haushalte also kaum etwas aus. In Italien liegt diese Quote bei 5,2 Prozent. Die Sparquote ist also höher als die laufende Neuverschuldung dieser Länder. Nun zum Problem: Wenn Australien, Japan und die USA in eine Bilanzrezession fallen, wird das angesparte Vermögen rasch in die Staatsanleihen des eigenen Landes investiert. Wohin sonst sollte man das viele Geld auch tun? Die Zinsen für die Staaten sinken damit auf ein lächerlich niedriges Niveau. Dies motiviert die Staaten dazu, mehr Geld zu investieren, und so ziehen sie sich langsam selbst aus der Krise.

STANDARD: In der Eurozone ist das anders?

Koo: Ja. Denn ein spanischer Anleger kann immer ausweichen und deutsche Staatsanleihen statt spanischer kaufen. Der spanische Privatsektor spart derzeit also immense Summen an, ein Großteil dieses Geldes fließt aber ab. Daher kann die spanische Regierung das Defizit von sechs, sieben Prozent nicht in der Heimat finanzieren, obwohl genug Geld da wäre.

STANDARD: Was müsste die Eurozone tun?

Koo: Zunächst den Maastricht-Vertrag so umschreiben, dass sich Länder in einer Bilanzrezession höher verschulden können. Um das Problem der Kapitalflucht in den Griff zu bekommen, sollte eine Gewichtung eingeführt werden: Wenn ein österreichischer Investor deutsche Staatsanleihen kauft, sollte er dafür in der Bilanz mehr Eigenkapital vorhalten müssen. Dadurch gäbe es einen Druck, eigene Anleihen zu kaufen.

STANDARD: Sie schreiben, dass sich Demokratien mit Bilanzrezessionen besonders schwertun. Warum?

Koo: In der Universität hat niemand etwas von Bilanzrezessionen gehört. Wir glauben daher, dass wir das Richtige tun, wenn wir Schulden zurückzahlen. Individuell betrachtet stimmt das, aber kollektiv betrachtet bringen wir uns um. Aber dieses Konzept zu vermitteln ist schwer. Wenn Regierungen eingreifen und Banken retten, regt sich schnell öffentlicher Widerstand. Dabei ist genau das nötig. Wenn der Staat in einer Krise nicht eingreift, bricht die Wirtschaft zusammen. Das ist genau das, was in der Großen Depression der 30er-Jahre passiert ist. US-Präsident Herbert Hoover verweigerte jenen Menschen zu helfen, die ihr Geld am Aktienmarkt verspekuliert hatten. Aber weil er sich geweigert hat, ist die US-Wirtschaft kollabiert.

STANDARD: In Japan versucht die Regierung von Premier Shinzoo Abe das Wachstum anzukurbeln: Die Notenbank druckt Geld, und auch die Regierung investiert mehr. Bisher bleibt der Erfolg aus.

Koo: Was die Notenbank tut, ist sinnlos, aber den staatlichen Mehrausgaben stimme ich zu. Spannend ist das dritte Standbein des Abe-Plans: Strukturreformen. Japan hat leider sehr schlechte Journalisten, die der Bevölkerung vermitteln, dass unsere Probleme strukturelle Ursachen haben. Deswegen müsste der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden, geschlossene Sektoren sollen sich öffnen - es ist derselbe Diskurs wie in Europa. Ich bin gar nicht grundsätzlich gegen diese Reformen, nur braucht es Jahre, bis sie greifen. Auf kurze Sicht gibt es nichts anderes, was Europa und Japan helfen kann, als kräftige Mehrausgaben der Staaten. (András Szigetvari, DER STANDARD, 27.9.2014)

Richard Koo ist Chefökonom am Nomura Research Institute in Tokio, einem Thinktank und Beratungsunternehmen mit rund 6000 Mitarbeitern. Das prominenteste Werk des gebürtigen Taiwanesen ist das 2008 erschienene Buch "The Holy Grail of Macroeconomics - Lessons from Japan's Great Recession".

  • Japans Konsumenten agieren auch 20 Jahre nach Krisenausbruch zurückhaltend und schrecken vor dem Leben auf Pump zurück.
    foto: apa/epa/franck robichon

    Japans Konsumenten agieren auch 20 Jahre nach Krisenausbruch zurückhaltend und schrecken vor dem Leben auf Pump zurück.

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