Serbien gefangen in der Ukrainekrise 

27. September 2014, 12:00
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Serbiens Premier Vučić versucht in der Ukraine-Krise einen Spagat: Das Land auf EU-Kurs zu bringen, ohne Moskau zu verärgern, von dem es abhängig ist. Das Verständnis der EU für diese Position schwindet.

Alle drei serbischen Jagdflugzeuge vom Typ Mig-29 und die Mig-21 sind seit Anfang September wieder einsatzbereit – Wladimir Putin sei Dank. Die Russische Föderation spendete nämlich die notwendigen Akkus für die veralteten Flieger. Und auch sonst sind die Serben der slawisch-orthodoxen Schutzmacht für vieles dankbar – vom Beistand im Ersten Weltkrieg, der Befreiung Belgrads 1944, über die Unterstützung bei der Nichtanerkennung des Kosovo, bis zur Hilfe bei den katastrophalen Hochwassern im Mai.

Die sprichwörtliche Liebe zu Russland stand bis vor wenigen Monaten nicht im Widerspruch zu dem Streben Serbiens in die Europäischen Union. Im Jänner haben die Beitrittsverhandlungen begonnen. Doch nun droht Serbien die Gefahr, ein Kollateralschaden der Ukraine-Krise zu werden.

Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić bemüht sich, den Spagat zwischen Ost und West zu schaffen. Wie ein Mantra wiederholt er, dass Serbien zwar die "territoriale Integrität der Ukraine samt der Krim anerkennt", aber dennoch nicht vorhat, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Serbiens Priorität sei die EU-Mitgliedschaft, doch die Serben verbinde mit den Russen eine "historische Freundschaft".

Forderung: Außenpolitik im EU-Einklang

Noch hat der Westen Verständnis für Belgrad, doch immer öfter hört man aus Brüssel und Washington, dass Serbien seine Politik in Einklang mit der EU bringen sollte. Zumal Serbien 2015 den Vorsitz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) übernehmen soll.

Sollte Serbien gegen Russland Sanktionen verhängen, würde es sich selbst "ins Knie schießen", warnte kürzlich Russlands Botschafter in Belgrad, Alexander Tschepurin. Nur ein "politischer Selbstmörder" würde die erst vor einem Jahr unterzeichnete russisch-serbische strategische Partnerschaft in Frage stellen.

Die Mahnung Moskaus hat Hand und Fuß, denn bei einer schrumpfenden Wirtschaft und einer Arbeitslosigkeit von rund 27 Prozent, ist Serbien existenziell auf russische Unterstützung angewiesen. Die russische Gasprom hat den serbischen Erdölkonzern NIS (Naftna Industrija Srbije) gekauft, der mittlerweile einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent hat; die Gaspipeline Southstream soll durch Serbien führen, eine Investition von rund zwei Milliarden Euro. Seit 2008 kommt eine russische Bank nach der anderen nach Serbien. Die Russische Föderation hat Serbien einen Kredit in der Höhe von 800 Millionen US-Dollar für die Modernisierung der Eisenbahn gebilligt; für die Konsolidierung des Haushaltes hat Moskau zusätzlich 700 Millionen US-Dollar Kredit gewährt.

Auf dem Flughafen der südserbischen Stadt Niš hat Russland für rund 20 Millionen US-Dollar einen "Stützpunkt für humanitäre Zwecke" gebaut, den der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu mehrmals besucht hat. Serbien ist auch das einzige europäische Land außerhalb der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, das ein Freihandelsabkommen mit der Russischen Föderation unterzeichnet hat.

Am 20. Oktober, Jahrestag der Befreiung von den Nazis, könnte Wladimir Putin Belgrad besuchen – sehr zum Ärger der EU. (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD, 27./28.9.2014)

  • Putin-Café im serbischen Novi Sad: Russlands Präsident wird nicht überall verehrt, aber meist respektiert. Die Abhängigkeit des Landes von Moskau bleibt groß – das erschwert in der aktuellen Lage die Annäherung  an die EU.
    foto: ap photo/marko drobnjakovic

    Putin-Café im serbischen Novi Sad: Russlands Präsident wird nicht überall verehrt, aber meist respektiert. Die Abhängigkeit des Landes von Moskau bleibt groß – das erschwert in der aktuellen Lage die Annäherung
    an die EU.

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