Asyldebatte: Hinter jeder Zahl steckt ein Flüchtlingsschicksal

26. September 2014, 15:36
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Bei einer Straßenbahnfahrt durch Wien versuchte die Caritas am "Langen Tag der Flucht" spielerisch die Menschen hinter Flüchtlingsstatistiken zu zeigen

Wien - Am Anfang ist alles noch lustig. Einen "Reisepass" etwa von Afghanistan, Syrien oder Pakistan bekommen die Schüler und Lehrlinge von Caritas-Mitarbeitern am Westbahnhof in die Hand gedrückt, ehe sie in die Straßenbahn drängen. Ab sofort sind sie auf der Flucht, die Reise in der stickigen Straßenbahn durch Wien symbolisiert den Weg von Krisengebieten nach Österreich.

Es ist ein spannendes Experiment, die Jugendlichen sind aufgeregt, reden wild durcheinander. Auf den Türen der Straßenbahn steht Staatsgrenze, ein verkleideter Polizist spielt einen Grenzbeamten, ein paar Jugendliche lächeln ob der schauspielerischen Performance.

Langer Tag der Flucht

Eine Stunde später steigen die Schüler des Gymnasiums Wenzgasse und Lehrlinge des Telekommunikationsbetriebes Kapsch ruhig und nachdenklich am Praterstern wieder aus. Die Caritas-Aktion anlässlich des "Langen Tages der Flucht" vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), der die Menschen hinter all den Flüchtlingszahlen und -statistiken sichtbar machen soll, hat seine Wirkung bei den Mitfahrern in der Bim nicht verfehlt. "Kein Mensch ist freiwillig auf der Flucht", sagt der Wiener Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner.

Aber am Anfang ist alles noch lustig: Spielerisch wird versucht, den Jugendlichen zu erklären, wie groß der Anteil der Asylwerber in Österreich überhaupt ist. Von Jänner bis August 2014 wurden knapp 13.000 Asylanträge gestellt.

Ansturm bewältigbar

Durch die Krisen in der Ukraine, in Syrien und im Irak dürfte die Zahl bis Ende des Jahres auf rund 26.000 anwachsen. "Da von einem Flüchtlingsansturm oder einer Schwemme nach Österreich zu sprechen, ist einfach nicht richtig", sagt Schwertner. Caritas-Mitarbeiter stellen die Zahl in Relation: Allein im Vorjahr sind mehr als 15.000 Niederösterreicher nach Wien gezogen. Anfang des Jahrtausends habe es in Österreich Asylanträge jenseits der 30.000 gegeben. Schwertner: "Und auch damals hat man das gut bewältigt."

Dass Flüchtlinge nur illegal nach Österreich einreisen und hier einen Asylantrag stellen können, hat viele Jugendliche verwundert. "Es gibt so etwas wie ein Flüchtlingsvisum nicht", sagt ein Caritas-Mitarbeiter. Dabei wird die Flucht aus Kriegsgebieten mit Schleppern in die "Festung Europa" immer riskanter, wie tausende Tote bei Bootsunglücken vor Lampedusa und Sizilien beweisen. Die EU hat in den vergangenen Jahren laut Caritas für den Grenzschutz dreimal mehr Geld ausgegeben als für Flüchtlingshilfe.

Leben in Ungewissheit, dafür in Frieden

Dann erzählt der 22-jährige Wahed N., ein Asylwerber aus Afghanistan, in der Straßenbahn von seiner einmonatigen Flucht nach Österreich. Seit zweieinhalb Jahren wartet er auf seinen Asylbescheid, er besucht Deutschkurse und besucht die HTL. Arbeiten darf er derzeit laut Gesetz in Österreich nicht - auch das verstehen viele Schüler nicht.

N. lebt in Ungewissheit. "Aber dafür in Frieden", sagt der junge Mann.

Im letzten Streckenabschnitt zum Praterstern werden nachgesprochene Flüchtlingsschicksale über einen Lautsprecher eingespielt. Sie handeln von Vergewaltigung und Verschleppung. Von Soldaten, die eine junge Frau zwingen, ihren Bruder zu erschießen, ehe die Militärs selbst abdrücken. Von einer Flucht, die geprägt ist von nackter Angst, Hunger und Durst. Man hätte eine Stecknadel in der Bim fallen hören können, als die Erzählungen vorbei waren.

"Auch in vielen Schulklassen gibt es Flüchtlingskinder", sagt Schwertner nach der Fahrt dem STANDARD. "Den Mitschülern soll bewusst werden, dass hinter Schlagworten wie 'Flüchtlingsströme' auch echte Menschen und Schicksale stecken."

Nacht-und-Nebel-Aktionen

Dass es angesichts steigender Flüchtlingszahlen Ängste und Sorgen in der Bevölkerung gibt, kann Schwertner nachvollziehen. "Wenn das Innenministerium in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Flüchtlinge nach Spital am Semmering verfrachtet, braucht das nicht zu wundern." Er kenne aber auch andere Erfahrungen: Bürger, die sich direkt an ihn gewandt haben und Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollten.

"Wir sollten aufhören, uns vor den Flüchtlingen nur zu fürchten", sagt Schwertner. Gemeinde-Bürgermeister würden bei diesem Thema auch die Populismus-Karte ausspielen. Wiens Stadtoberhaupt Michael Häupl (SP) nahm er hingegen ausdrücklich aus. "Häupl hat das Problem erkannt und politisch mutig gehandelt." Wien, das die Asylquote ohnehin bereits übererfüllt, gab am Donnerstag bekannt, weitere 600 Flüchtlinge unterzubringen, die Kosten trägt der Bund. (David Krutzler, derStandard.at, 26.9.2014)

  • Die Reise in der vollgestopften, stickigen Straßenbahn durch Wien sollte die Stationen einer Flucht von Krisengebieten nach Österreich symbolisieren.
    foto: david krutzler

    Die Reise in der vollgestopften, stickigen Straßenbahn durch Wien sollte die Stationen einer Flucht von Krisengebieten nach Österreich symbolisieren.

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