"Katalanen wünschen sich besseren Staat"

Interview28. September 2014, 17:14
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Die Krise habe zum Wachstum der Sezessionsbewegung beigetragen, sei aber kein Zündstoff gewesen, sagt Jaume Ventura im Gespräch

STANDARD: Wie verbrachten Sie die vergangene "Diada", Kataloniens Nationalfeiertag?

Ventura: Den Vormittag verbrachte ich mit der Familie. Danach sind wir gemeinsam zur Großdemo im Zentrum Barcelonas gegangen, wo wir zusammen mit Hunderttausenden ein riesiges "V" für "Votar" formten, also unser Recht, über unsere Unabhängigkeit selbst abstimmen zu dürfen.

STANDARD: Wie stehen Sie zu einer Sezession Kataloniens von Spanien?

Ventura: Ich glaube, es wäre sehr gut für Katalonien, wenn wir uns von Spanien lösen würden und unsere eigene Politik betreiben dürften. Ich weiß jedoch nicht, wie wir das erreichen werden, und vor allem auch nicht, wann. Aber bin ich überzeugt, dass die Mehrheit der Katalanen meine Meinung teilt und denselben Wunsch hat. Da wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, wird man uns auch anhören, früher oder später.

foto: crei/frederic camallonga

Ökonom Jaume Ventura schließt einen Euro- und EU-Ausschluss aus.

STANDARD: Worin sehen Sie die Unterschiede zum Vorstoß der Schotten?

Ventura: Ich bin zwar kein Schottland-Experte, aber es gibt einen großen Unterschied: Katalonien ist in Spanien ein großer Nettozahler, was die Schotten im Vereinigten Königreich nicht sind. Somit wären auch die ökonomischen Vorteile im Falle einer Sezession Kataloniens für die Katalanen weitaus größer. Wirtschaftswissenschaftliche Studien belegen, dass durch eine Sezession jeder Katalane im Schnitt 2.200 Euro jährlich mehr zur Verfügung hätte. Damit kann man Steuern senken, Unternehmen fördern oder eben die Pensionen anheben. Der steuerliche Vorteil der Schotten wäre indes gering. Die große Gemeinsamkeit ist natürlich, dass es zwei Völker sind, die sich vom Rest der Union stark unterscheiden.

STANDARD: Was wären die positivsten Auswirkungen einer Unabhängigkeit?

Ventura: Eines der großen Probleme Spaniens ist die Art und Weise, wie der Staat konstruiert ist. Er ist hochgradig ineffizient und überdies korrupt. Beide, sowohl Spanien als auch Katalonien, müssen sich gut überlegen, wie man diesen fortan gestaltet haben will. Im Fall Spaniens hat vor allem die Schaffung der Autonomen Regionen die Ineffizienz gesteigert. Und es sind viele Regionen, deren Unterschiede zueinander quasi nicht existieren. Die Abschaffung der Regionalebene wäre in Summe betrachtet ein großer Gewinn für alle.

In einem unabhängigen Katalonien würde auch diese Doppelgleisigkeit, eine Regierungsebene, wegfallen, was beträchtliche Ersparnisse brächte. Zeiten großen Wandels wie gegenwärtig öffnen ein Fenster, um sich gut zu überlegen, wie wir uns organisieren wollen, welche Institutionen wir brauchen und welche nicht. Ich weiß nicht, ob ein katalanischer Staat viel besser wäre als der spanische. Aber es ist kaum möglich, einen schlechter organisierten Staat zu schaffen.

STANDARD: Und die potenziell negativsten Auswirkungen, das am schwierigsten zu Bewältigende?

Ventura: Eine gute Frage. Ich denke, wie vielerorts in der Welt wäre es wohl das Schwierigste, eine Gruppe von Politikern zu finden, die sehr wohl wissen, dass es nicht darum geht, ihre persönlichen oder parteipolitischen Interessen durchzusetzen, sondern in ihrer Position einzig dem Gemeinwohl zu dienen. Hier waren auch katalanische Politiker keinesfalls vorbildlich, was ihren Fokus und den Willen zur Einheit betrifft.

foto: ap/morenatti

Jeder Katalane könnte durch die Sezession jährlich 2.200 Euro mehr zur Verfügung haben, meint Ventura.

STANDARD: Der massive Korruptionsfall um den langjährigen Ex-Regionenpräsidenten Jordi Pujol wird wohl auf ein mögliches Abstimmungsergebnis deutlichen Einfluss haben.

Ventura: Mit Sicherheit, doch es gibt zwei Sichtweisen, wie man den äußerst bedauerlichen Fall Pujol deuten kann: Zum einen nahm er uns Katalanen die Illusion, dass unsere Politiker weit weniger korrupt seien als die spanischen und dass unsere Regierung besser sei. Weitergedacht könnte man zu dem Schluss kommen: Warum nehmen wir denn den ganzen langen, schweren Prozess der Sezession auf uns, um nachher ein ähnlich miserables Regierungsteam zu haben? Einige Bürger werden es so sehen und sich vom Unabhängigkeitskurs abwenden.

Die andere Sichtweise ist, sich des Zynismus der spanischen Zentralregierung bewusst zu werden, die seit mehreren Jahren von den Auslandskonten des Pujol-Clans wusste, das tolerierte, aber es just in der heißen Phase vor dem Referendum an die Öffentlichkeit bringt. Ein Teil der Wähler wird sich dadurch wohl in mehr Richtung eines Ja zur Sezession bewegen.

STANDARD: Die Wirtschaftskrise hat wohl ebenfalls den Drang zur Sezession gestärkt.

Ventura: Das ist, was viele Beobachter meinen, doch es gab stets eine große Bewegung für die Unabhängigkeit. Ein großer Schritt in diese Richtung war das Autonomiestatut Kataloniens von 2005. Ich glaube, die Krise hat etwas dazu beigetragen, ist aber nicht der Zündstoff. Selbst wenn die Krise überwunden ist, wird damit nicht der Unabhängigkeitswille sinken.

STANDARD: Wie sieht das die Mehrheit der Unternehmer in der Region?

Ventura: Wie ich in einer Fülle an Treffen, Konferenzen und Besprechungen erfahren konnte, ist die deutliche Mehrheit der Unternehmer Kataloniens einer Unabhängigkeit gegenüber sehr positiv eingestellt. Sie wünschen sich natürlich in erster Linie einen besseren Staat, der sich besser in einer globalisierten Welt positionieren kann und wird. Die Mehrheit der Unternehmerbünde und viele KMUs, die das Rückgrat der katalanischen Wirtschaft bilden, unterstützen die Unabhängigkeitsbewegung. Dagegen ist einzig die alteingesessene Elite, die vom Status quo und staatlichen spanischen Förderungen profitiert und natürlich nicht will, dass das ein Ende findet. Zugegebenermaßen ist der Handel mit Spanien eine wichtige Einnahmequelle für Katalonien. Doch sukzessive und wenn nötig auch rasch werden sich unsere Firmen eben mehr international aufstellen.

foto: ap/fernandez

Der spanische Staat vertritt nicht die Vielfalt seiner Bürger, sagt Jaume Venture.

STANDARD: Es gab in Vergangenheit einige Boykottaktionen gegen katalanische Produkte.

Ventura: Die sichtbarste Aktion war der große Cava-Schaumweinboykott Spaniens um das Autonomiestatut von 2005. Die Produzenten verloren zwar 6,5 Prozent am Binnenmarkt, steigerten aber zugleich ihre Exporte um sechs Prozent. Somit war ihr Verlust minimal. Zudem sind die meisten katalanischen Produkte nicht als solche identifizierbar und Boykottaktionen folglich auch nicht möglich.

STANDARD: Die Mitgliedschaft in der EU und auch im Euroraum stünde laut EU-Granden wie José Manuel Barroso, Angela Merkel und EU-Kommissar Joaquín Almunia für ein souveränes Katalonien auf dem Spiel.

Ventura: Diese Wortmeldungen spiegeln einzig wider, dass der spanische Staat nicht die Vielfalt seiner Bürger vertritt. Wir sind viele Katalanen, doch nach außen vertritt die Regierung einzig und alleine ihre Position: gegen eine Unabhängigkeit. Die diplomatischen Vertreter Spaniens werden dazu eingesetzt, andere wichtige Persönlichkeiten zu Wortmeldungen zu drängen, die uns Katalanen in Angst versetzen sollen. Wir haben keine Botschaften, keine Vertretung nach außen. Dieser Diskurs macht nur deutlich, dass Spanien uns nicht vertritt. Was die Drohungen betrifft, muss man einmal mehr auf Schottland schauen. Niemand hätte Schottland aus der EU geworfen.

Uns Katalanen würde man auch nicht anders als die Schotten behandeln. Wir sind EU-Bürger, wir haben unsere Rechte. Ich glaube nicht, dass man uns ausschließen wird. Wo liegen die Interessen? Trotz aller Drohungen werden wir abstimmen. Auch die spanische Regierung wird einlenken müssen. 70 Prozent des spanischen Außenhandels werden über Katalonien exportiert. Neue Grenzen aufzuziehen hat keinen Sinn, am wenigsten für Madrid. Zudem werden 40 Prozent unserer katalanischen Industrieerzeugnisse von multinationalen Konzernen hergestellt, seien es Deutsche, Franzosen, Schweizer und auch Österreicher. Denen liegt nichts daran, nun über Grenzen hinweg agieren zu müssen oder gar in einer anderen Währung. (Jan Marot, DER STANDARD, 29.9.2014)

Jaume Ventura (51) ist Experte für Makroökonomie und Welthandel. Er arbeitet nach seinem PhD in Harvard und einer langjährigen Lehrtätigkeit am MIT seit 2002 am Forschungszentrum für Internationalen Handel der Universidad Pompeu Fabra in Barcelona. Er ist Vater zweier Söhne, begeisterter Schachspieler und Befürworter eines unabhängigen Katalonien.

Siehe dazu: http://crei.cat und https://www.araeslhora.cat/

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