Ein alkoholischer Minderleister

26. September 2014, 17:45
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Gerard Depardieu trinkt viel zu wenig

Eine schlechte Nachricht erreicht uns von der Trinkerfront. Der Schauspieler Gerard Depardieu, Russe mit französischem Migrationshintergrund, hat in einem Interview preisgegeben, dass er sich täglich zwölf bis vierzehn Flaschen Wein oder sonstige alkoholische Getränke hinter die Binde gieße. Begonnen wird am Morgen mit Durstwein und Champagner, ehe er sich dann tagsüber mittels wiederholter Gaben von Bordeaux, Calvados und Pastis bis zu einem rechten Spitzerl hinaufpiperlt.

Vierzehn Flaschen: Das hört sich zunächst ganz respektabel an - es ist jedenfalls mehr als die Dosis, die der durchschnittliche Doktor seinen Patienten empfiehlt. Selbst liberale Leberärzte meinen ja, dass man spätestens nach der zehnten Flasche einen Punkt machen sollte.

Aber: Gemessen an den Spitzenleistungen von Schlemmerei und Schwelgerei, die im Lauf der Zeiten aus dem wunderbaren Frankreich berichtet wurden, sind vierzehn Flaschen eine Minderleistung, ja geradezu ein Klacks. In der Ära von Vercingetorix, die Depardieu als Obelix-Darsteller eigentlich bekannt sein sollte, rannen Wein und Met bei der Wildschweinjause amphoren- und fässerweise durch die gallischen Gurgeln.

Rabelais berichtet, dass sein Gargantua eine Mahlzeit von "einigen Dutzend Schinken, geräucherten Ochsenzungen, Blut- und Schlackwürsten" mit einem "erschrecklichen Schluck Weißwein" begossen habe, denn die Grenze des Trinkens habe "der Mensch erst dann erreicht, wenn die Korksohlen seiner Pantoffeln einen halben Schuh hoch von der eingenommenen Feuchtigkeit aufgequollen wären."

Beim Marquis de Sade wiederum dopen sich die Lüst- und Wüstlinge mit 48-gängigen Menüs und endlosen Tokaiergelagen für die nächsten Metzeleien, kurzum, die französische Geschichte ist gesäumt mit burlesken Fress- und Saufrekorden, neben denen sich magere vierzehn Flaschen täglich ausnehmen wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wenn Depardieu wirklich in die Topliga aufrücken möchte, wird ihm nichts anderes überbleiben, als sich bei einem ernsthaften Promille-Benchmarking von einem österreichischen Profi-Bsuff coachen zu lassen und in einem burgenländischen Heurigen oder einem Wiener Gürteltschocherl die Kunst des Komasaufens zu üben. In dieser Disziplin sind wir Österreicher bekanntlich ganz vorn dabei. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 27./28.9.2014)

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