Isa und der Mann in grüner Jacke

26. September 2014, 17:20
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13 Monate nachdem Wolfgang Herrndorf sich das Leben genommen hat, erscheint mit "Bilder deiner großen Liebe" sein letzter Roman

Irgendwo in der Mitte des Buchs heißt es: "Mein Weg ist lang und einsam. Besser, du kehrst nun um." Aber Umkehren, das geht nicht mehr, nicht für Isa und auch nicht für ihren Autor Wolfgang Herrndorf, höchstens für den kleinen Jungen, der treu wie ein Hund an Isas Seite bleiben wollte. Egal, wohin die Reise geht.

Wer Wolfgang Herrndorfs - nein, nicht bloß Jugend-, sondern ganz großartigen - Roman Tschick, der 2010 erschienen ist und von dem mittlerweile über eine Million in 24 Sprachen übersetzte Exemplare verkauft wurden, gelesen hat (wer nicht, der sollte das unbedingt nachholen), wird sich an dieses Mädchen erinnern. Vielleicht tauchen innere Bilder von Isa auf, wie sie gerade über einen riesigen Müllberg klettert, zerzaust und stinkend, und dabei lauthals zwei Jungs beschimpft, genau: Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, kurz Tschick genannt, die auf ihrem abenteuerlichen Trip durch Deutschland gerade auf der Suche nach einem Stück Schlauch sind, um Benzin aus fremden Autos zu klauen.

Die Sterne wandern

"Die Sterne wandern und ich wandre auch", so steht es in Herrndorfs letztem Roman, der diese Woche bei Rowohlt erscheint, geschrieben. Und "ich", das ist Isa. Isa wandert, geht weg, bricht aus einer Anstalt aus, aber geht nicht unter: "Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist und nicht bescheuert", so beginnt der, wie es auf dem Cover steht, "unvollendete" Roman, der gar nicht so sehr fragmentarisch ist. Aber Bilder deiner großen Liebe ist wie Tschick ein Roadmovie, aber keine Fortsetzung, höchstens Ergänzung, der Text kann für sich alleine stehen, so wie Isa auch.

Sie durchquert Flüsse, Felder und Friedhöfe, geht immer weiter, vorbei am Leben der anderen - durch Dörfer, Supermärkte und Siedlungen. Ein Landstreicherkind, das kein Kind mehr ist. Wie alt diese Isa ist, keine Ahnung, vielleicht fünfzehn, nicht älter. Herrndorfs Figur ist illusionslos, aber voller Träume, durchgeknallt und ganz schön hart, vorsichtig und wendig wie ein Tier. Furchtbar erfahren, ja lebensweise, vor allem im Gegensatz zu den jungen Helden aus Tschick. Ein eigenwilliges Naturkind, das auf seinem Rücken im Gras liegt, die Wolken vorbeiziehen lässt, in die Sonne blinzelt und im Wald schläft - "die Dämmerung verschlingt mich".

Natürlich lässt sich der Isa-Roman nicht losgelöst von Herrndorfs Tod lesen. Seinen Weg bis zum Ende hat er unglaublich konsequent in seinem Blog Arbeit und Struktur aufgezeichnet, diese beispiellose Mitschrift ist nur fünf Monate nach seinem Tod als Buch erschienen. Jetzt aber setzt Bilder deiner großen Liebe Herrndorfs literarischen Schlusspunkt. Das, was seine beiden Weggefährten Marcus Gärtner und Kathrin Passig über die Entstehung des Buchs im Nachwort schreiben, ist wichtig, aber nicht unbedingt für die Lektüre. Am Ende sollte ein zusammenhängender Text, "ein ganzes Buch", so die Vorgabe (des Autors), "ohne jeden Germanistenscheiß" dastehen. Die beiden Herausgeber haben ihre Sache gut gemacht.

Denn Isa ist so etwas wie ein letztes Alter Ego Herrndorfs. Sie erzählt, träumt und schreibt auf (in ein Tagebuch). Sie ist todernst und komisch. Und sie begegnet immer wieder Menschen: einem kleinen Jungen, einem Mann in grüner Jacke auf einem Friedhof (Wolfgang Herrndorf), trifft einen Schiffer auf einem Fluss, der das Mädchen ein Stück seines Weges mitnimmt, einen Penner vor dem Supermarkt, einen Schriftsteller, einen obszönen Fernfahrer und gegen Ende dann Tschick und den Ich-Erzähler Klingenberg aus Herrndorfs Bestseller, mit dem es dann aber doch nichts wird mit dem Küssen.

Weil Isa Herrndorf ist oder umgekehrt, ist es nur stimmig, dass das Mädchen am Ende in den Abgrund schaut, mit einer Waffe in der Hand. Wolfgang Herrndorf hat sich mit 48 wegen eines unheilbaren Gehirntumors im August vor einem Jahr in Berlin erschossen. Schön, dass jetzt noch etwas kommt. Schade, dass es zu Ende ist. Wir werden diesen Autor immer wieder lesen, auch Bilder deiner großen Liebe. (Mia Eidlhuber, Album, DER STANDARD, 27./28.9.2014)

Wolfgang Herrndorf, "Bilder deiner großen Liebe", € 16,95 / 144 Seiten. Rowohlt, 2014

  • Wolfgang Herrndorf: Den Titel seines letzten Romans "Bilder deiner großen Liebe" legte der Autor noch selbst fest.
    foto: mathias mainholz

    Wolfgang Herrndorf: Den Titel seines letzten Romans "Bilder deiner großen Liebe" legte der Autor noch selbst fest.

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