Franzobel: Wer hat die Macht?

28. September 2014, 12:00
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Und warum wird so ein Aufwand getrieben, uns, die breite Masse, zu manipulieren? Weil wir die Macht sind! Ein Essay

Die Wahrheit ist ein Hund, sie jault, bellt und beißt sich manchmal selber in den Schwanz. Vor beinahe 20 Jahren gab es unter Historikern ein großes Aufheulen, Heribert Illig hatte seine These veröffentlicht, wonach 300 Jahre, nämlich die Zeit um Karl den Großen, nachträglich erfunden worden seien, um bestehende Besitzverhältnisse zu legitimieren. Einer meiner Freunde meinte damals halb im Scherz, auch die meisten Schriftsteller der Antike seien Erfindungen von mittelalterlichen Mönchen. Für die Mediävisten war Illigs These ein Schock, es war, als wäre einem Atheisten Gott begegnet, also beeilte man sich, sie als absurd, lächerlich und unwahrscheinlich abzutun. Ein ganzes Heer an Wissenschaftern wurde aufgeboten, sie totzubeißen. Mit der These meines Freundes hat sich, soweit ich weiß, nie jemand ernsthaft beschäftigt.

Die Wahrheit ist ein Hund. Zappt man sich einen Abend lang durch das, was das Youtube-Universum zum Stichwort "Macht" ausspuckt, könnte man glauben, dass nie Flugzeuge in das World Trade Center geflogen sind. Die Türme wurden von der CIA gesprengt, die Flugzeuge waren Computersimulationen und die angeblichen Zeugen Schauspieler. Andere Videos widerlegen die Mondlandung oder beweisen eindrucksvoll, dass wir von Freimaurern, Bilderbergern, dem internationalen Finanzjudentum oder von Außerirdischen regiert werden.

All diesen Verschwörungstheorien ist eines gemeinsam, sie bezweifeln die Glaubwürdigkeit der Leitmedien und werden ihrerseits von diesen als absurde Spinnereien abgetan. All diesen Ideen haftet ein Hautgout des Sektiererischen an, und nicht selten sind sie sowohl bei rechten als auch linken Extremisten beliebt, weshalb sie öffentlich kaum diskutiert werden. Aber nur weil auf diesem Markt der bösen Gedanken auch viele Spinner irrlichtern, heißt das nicht, dass alles falsch sein muss, was der offiziellen Geschichtsschreibung widerspricht.

Man weiß um die gefälschten Schenkungsurkunden des Mittelalters ebenso wie um die Manipulationsmöglichkeiten der Medien, die die Wahrheit oft für unzumutbar halten. Das beginnt mit der Kriegstreiberei im Ersten Weltkrieg, geht über den initiierten Reichstagsbrand bis zum fingierten Überfall auf eine Radiostation, der Hitler vor 75 Jahren den gewünschten Anlassfall geboten hat, Polen zu überfallen und die Welt in den Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Mittlerweile scheinen auch die Vorwände der Bush-Administration für den zweiten Irakkrieg widerlegt. Saddam Hussein hat weder Massenvernichtungswaffen besessen noch jemals die Al-Kaida unterstützt. Ferner scheinen manche Anschläge der Tschetschenen von den Russen selbst verübt worden zu sein. Man kennt das alles zur Genüge, ein besonders grausames Verbrechen wird dem Gegner in die Schuhe geschoben, um ein Vorgehen gegen ihn zu rechtfertigen.

Warum also sollen nicht auch wir hochgradig manipuliert sein? Es mag unwahrscheinlich klingen, aber vielleicht waren die Anschläge vom 11. September ebenso vom amerikanischen Geheimdienst initiiert wie die jetzigen Enthauptungen der Isis. Die Bilder sind so schockierend, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, ihre Echtheit anzuzweifeln. Es sind mächtige, unsere Schaulust gefangen nehmende Bilder, die uns jedes Vorgehen gegen eine derart barbarische Bande als gerechtfertigt erscheinen lassen. Das sind kriminelle Bestien, die augenscheinlich in einer Zeit leben, die es laut Illig nie gegeben hat - wobei auch das verifizierte Mittelalter niemals so brutal gewesen ist wie die Neuzeit.

Aber was, wenn das alles manipuliert und in Nebraska oder Nevada entstanden ist? Dank Edward Snowden und Wikileaks können wir die Ausmaße der geheimdienstlichen Aktivitäten zumindest erahnen, dagegen sind die fotografierenden Kugelschreiber, die schießenden Regenschirme und Spezialautos von James Bond Kinderkram.

Danke, Edward Snowden!

Aber warum wird so ein Aufwand getrieben, uns, die breite Masse, zu manipulieren? Weil wir die Macht sind! Es ist immer noch die Meinung der Öffentlichkeit, die letztlich bestimmt, ob ein Krieg gerechtfertigt ist, Ebola wirksamer bekämpft werden muss oder ein Diktator untragbar geworden ist. Wir können Shitstorms entfachen und Politiker zum Rücktritt zwingen, sogar Ö3 spielt nun wieder heimische Musik. Die öffentliche Meinung ist ein Ozean, meist ist sie ruhig und plätschert gemächlich für sich hin, wehe aber, wenn sie Wellen schlägt und aus dem Ufer tritt, dann reißt sie alles mit sich mit.

Wenn man also frägt, wer hat die Macht, dann sind es nicht nur die Präsidenten der Supermäch- te, die Großkonzerne, Lobbyisten und Milliardäre, nicht nur die Politiker, in Österreich häufig ehemalige Nachrichtensprecher, die zulassen, dass die Innenstädte aussterben oder ausgehöhlt werden, um internationalen Konzernen Platz zu machen, in denen die Verkäuferinnen oft nur noch Russisch sprechen, nicht bloß die kleinen Bürgermeister, die sich mit einem Kreisverkehr ein Denkmal setzen, oder Innenminister, die die geistige Wüste Österreichs bilden und gleichzeitig nutzen wollen, um Flüchtlinge in Zeltlagern unterzubringen, es sind nicht nur die Generaldirektoren der Großbanken, die dafür sorgen, dass die Finanzmalaise ihrer Bank nicht ruchbar wird, während sie sich unterirdische Gänge ins nächste Bordell graben lassen, um das Wort Osterweiterung in ihrem Sinn auszulegen, nicht nur die Medienmogule und Guglhupfesser, die schlechten Leut, denen es, wie mein Großvater zu sagen pflegte, immer gut geht, auch nicht bloß Schlagersänger mit Töchterallergien oder Baumeister mit gulaschsaftheißer Leidenschaft, nicht ein glossierender Schleimrevolver im Massenmedium, die diversen Seilschaften oder Militaristen, die dafür sorgen, dass Deutschland 30 Milliarden für die Rüstung ausgibt, aber nur 30 Millionen für Friedensinstitute, nein, es sind auch wir, die kleinen Schneebrunzer, das sogenannte Volk.

Und seit den neuen Medien hat die Masse eine Macht, wie sie sich selbst Canetti niemals träumen ließ. Die Oberen müssen sich nach der öffentlichen Meinung richten, denn das Volk ist nicht mehr bloß eine formbare Masse, die sich manchmal ballt und "Mörder, Mörder" schreit, es hat heute viel wirksamere, nachhaltigere Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu gestalten. Freilich nützt das nicht immer. Ich erinnere mich an den monatelangen grünen Protest im Iran, der von den Machthabern einfach ausgesessen worden ist. Auch den Massenprotesten (Caserolazos) der Argentinier 2002 gegen die Entwertung ihres Geldes, das sie bei amerikanischen Banken in Dollars angelegt hatten, war kein Erfolg beschieden. Und in Österreich laufen immer noch ein paar Amtsmissbraucher frei herum, obwohl die Mehrheit weiß, die gehörten ins Gefängnis. Nur, scheint es, wissen sie zu viel - und Wissen ist Macht.

Trotzdem bin ich überzeugt, die Macht ist immer noch beim Volk. Bei jedem Einzelnen. Er muss sich nur bilden, darf nicht aufhören zu denken. Oder, wie es mein Lieblingswirt unlängst formulierte: Ein allgemeiner Mensch ist kein Trottel, auch wenn er einfach ist, spürt er immer, ob etwas stimmt oder nicht. Er muss kein Gourmet sein, damit er weiß, ob ihm der Wein schmeckt oder nicht.

Nur wie erreicht man die allgemeinen Menschen? Wie kann man ihnen vermitteln, dass sie es sind, die die Welt gestalten? Denn wer resigniert und aufgibt, der hat auch keine Macht mehr. Und selbst wenn die Wahrheit ein oft geprügelter Hund ist, darf man nicht den Glauben an sie verlieren. Kamen früher herumziehende Schauspielgruppen in eine Stadt, war das Erste, was sie taten, dem Friseur eine kleine Rolle zu übertragen. So konnten sie sicher sein, ihr Stück würde bald Stadtgespräch. Aber wer sind die Friseure der Welt? Facebook? Twitter? Wir alle? Die Wahrheit ist ein Hund, aber es liegt an uns, auch manchmal die Zähne zu fletschen und uns nicht nur bequem zu ihr ins Körbchen zu legen. Es liegt an uns, das Böse, Unauthentische und Falsche zu verbellen, dazu haben wir die Macht. (Franzobel, Album, DER STANDARD, 27./28.9.2014)

  • Empört euch: "Die öffentliche Meinung ist ein Ozean, meist ist sie ruhig und plätschert gemächlich für sich hin, wehe aber, wenn sie Wellen schlägt und aus dem Ufer tritt, dann reißt sie alles mit sich mit."
    foto: ap/paul zinken

    Empört euch: "Die öffentliche Meinung ist ein Ozean, meist ist sie ruhig und plätschert gemächlich für sich hin, wehe aber, wenn sie Wellen schlägt und aus dem Ufer tritt, dann reißt sie alles mit sich mit."

  • Franzobel, Jg. 1967, ist österreichischer Schriftsteller. Sein neuer Kriminalroman "Wiener Wunder" (Zsolnay, 2014) wird am 1. 10. im Thalia, Wien-Landstraße (19 Uhr), und am 3. 10. im neuen Linzer Musiktheater (19.30 Uhr) präsentiert.
    foto: heribert corn

    Franzobel, Jg. 1967, ist österreichischer Schriftsteller. Sein neuer Kriminalroman "Wiener Wunder" (Zsolnay, 2014) wird am 1. 10. im Thalia, Wien-Landstraße (19 Uhr), und am 3. 10. im neuen Linzer Musiktheater (19.30 Uhr) präsentiert.

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