Mit Wissen gegen Windmühlen kämpfen

29. September 2014, 05:30
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Mehr Finanzbildung = bessere Finanzentscheidungen? Ganz so einfach ist es nicht, zeigen Studien

Wien - Die Vereinten Nationen in New York tun es, Bankenverbände tun es, Wirtschaftsprofessoren tun es. Sie verlangen nach mehr "financial education", einer Allgemeinbildung in Finanzfragen, am besten schon im Schulsystem. Damit sollen in Versicherungs-, Spar- oder Anlagefragen mündige Entscheidungen getroffen werden. Das Ziel von Behörden und Regulatoren ist klar: "Sie wollen so viel Informationen zur Verfügung stellen, damit der Kunde alles selber macht", sagt Andreas Hackethal, Professor für Personal Finance an der Goethe-Universität in Frankfurt. Alleine, das heißt ohne Berater oder Vermittler. Doch Hackethal ist skeptisch, ob mehr Finanzbildung auch zu besseren Entscheidungen führt.

Er hat in Deutschland die Depots von Do-it-yourself-Anlegern bei Direktbrokern analysiert. 8000 Portfolios von der absoluten Elite der Konsumenten, die sich nicht von Depotgebühren, Geld-Brief-Spannen oder Verlustrisiko abschrecken lassen. "Auch die, die alles selbst machen, machen immer wieder Standardfehler", sagt Hackethal. Damit meint er, dass Anleger übertrieben viel handeln und damit Transaktionskosten verursachen oder wenig streuen.

Wissen der Vergangenheit schützt nicht

"Es sollte nicht das Ziel sein, dass alle Fondsmanager werden", schließt Hackethal aus seinen Studien. Denn einmal erworbenes Wissen in der Vergangenheit nützt für die Anlageentscheidung Jahre später nur noch wenig, glaubt Hackethal. "Es braucht genau dann, wenn eine Entscheidung ansteht, eine Auffrischung von Basiswissen, dass Diversifikation funktioniert oder Rendite nach Kosten zu kalkulieren ist." Es gehe daher um eine gesunde Skepsis. So zeige sich etwa, dass Anleger, die sich an die Empfehlungen ihrer Berater halten und danach Wertpapiere handeln, 25 Prozent mehr Umschlag (und damit Kosten) für ihr Portfolio verursachen - kein Erfolgsrezept.

Tatsächlich rät auch Otto Lucius zu einer realistischeren Erwartung für Programme zur Finanzbildung. Er ist Geschäftsführer der BWG, der Bankwissenschaftlichen Gesellschaft, und selbst mit der Ausbildung von Finanzprofis, etwa Finanzplanern oder Portfoliomanagern, beschäftigt. "Im Großen und Ganzen kann auch die allerbeste Finanzerziehung nicht die psychologischen Verzerrungen auflösen, denen Anleger aufsitzen."

Risikoeinschätzung

Ein Beispiel ist die gesetzlich verordnete Risikoeinschätzung. Will jemand Geld anlegen, muss eine Einschätzung über die eigene Risikohaltung abgegeben werden: Wie viel Verlust ist maximal verkraftbar? Zehn Prozent, 50 Prozent, gar keiner? Alleine die Risikohinweise eines heimischen Brokers haben gut und gerne bis zu zwanzig Seiten und enthalten alles von A wie Ausfallsrisiko bis Z wie Zinsrisiko. Das Problem: "Die Einschätzung wird einmal abgefragt und abgehakt, doch die Risikowahrnehmung ändert sich laufend", sagt Lucius.

Das unrühmliche heimische Beispiel waren vor 2008 die Immobilienaktien. Dem traditionell aktienscheuen österreichischen Anlegerpublikum wurden die Papiere als mündelsicher verkauft, die Risiken wurden ausgeblendet, hier hätte ein wenig Basiswissen über Finanzfragen jedenfalls geholfen. Lucius hat in Österreich schon viele Initiativen für mehr Finanzbildung erlebt, denen er wenig Erfolg bescheinigt. Der Hauptfehler: Bis dato wurden die Lehrer als wichtige Wissensvermittler zu wenig eingebunden. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Wissen hilft bei Finanzentscheidungen, doch auch erfahrene Anleger sitzen Fehlern auf und lassen so Geld liegen. Experten sprechen diesbezüglich auch von einem Kampf gegen Windmühlen.
    foto: dpa/julian stratenschulte

    Wissen hilft bei Finanzentscheidungen, doch auch erfahrene Anleger sitzen Fehlern auf und lassen so Geld liegen. Experten sprechen diesbezüglich auch von einem Kampf gegen Windmühlen.

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