"Sich mit Finanzen zu beschäftigen ist fad"

28. September 2014, 12:00
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Seine Finanzen zu ordnen macht keinen Spaß, sagt ING-Ökonom Ian Bright. Warum ein Budgetplan hilft und was Banken für die finanzielle Ordnung ihrer Kunden tun können

STANDARD: Der Bereich Finanzbildung ist weitläufig. Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was Menschen wissen müssen?

Bright: Das Wichtigste ist, die Grundlagen zu wissen. Man muss weder besonders clever sein noch Wirtschaft studiert haben.

STANDARD: Was heißt das konkret? Was muss man tun?

Bright: Ein Budget erstellen. Wenn man das macht und seinem Budget treu bleibt, dann sollte man finanziell in einer vernünftigen Lage bleiben. Egal, ob jemand reich ist oder arm - ein Budget zu erstellen ist immer der erste und wichtigste Schritt. Eine Umfrage von uns hat gezeigt, dass rund 40 Prozent der Befragten ein Budget haben. Es gibt aber viele Fallen, und die Menschen tappen unabsichtlich hinein.

STANDARD: Erstelle ein Budget, und alles bleibt gut, klingt nach einem sehr einfachen Weg ...

Bright: Es ist auch nicht schwer. Die Frage ist aber vielmehr, warum so viele Menschen eben kein Budget erstellen, um sich eine Übersicht zu verschaffen. Der wichtigste Grund dafür ist, weil sie es "auf morgen" verschieben. Das ist das größte Problem bei dem ganzen Spektrum der Finanzbildung und -planung. Weil die Leute es dann nie tun und nicht wissen, wie viel Geld sie haben und was sie davon an Kosten ausgeben und wie viel ihnen bleibt. Sich mit den Finanzen zu beschäftigen ist fad, es ist lustiger, sich mit Freunden zu treffen oder Fußball zu schauen.

foto: andy urban
"Man muss sich die Frage stellen, warum so viele Menschen kein Budget erstellen", sagt ING-Ökonom Ian Bright.

STANDARD: Aber niemand von uns will freiwillig Finanzschwierigkeiten ...

Bright: Daher müssen sich auch Banken fragen, was sie tun können, um die finanziellen Entscheidungen der Kunden zu verbessern. Angenommen, Sie leiten eine Bank und wissen, dass Ihre Kunden keine Budgets erstellen, ihre Finanzen nicht ordnen und ihr Konto überziehen. Und Sie sagen: Okay, das ist kein Problem. Wäre das ein ethischer und nachhaltiger Weg, die Bank zu führen?

STANDARD: Eher nicht. Aber was kann eine Bank tun, um hier tatsächlich zu helfen? Durch mobiles Banking kann der Kontostand Tag und Nacht überprüft werden. Ein Kontoauszug kann im Foyer jeder Bank auch von 0-24 Uhr erstellt werden. Es ist heute so leicht wie nie zuvor, den Überblick zu bewahren.

Bright: Das stimmt. Die Technologie macht es uns heute leichter. Aber wir müssen sie schon auch entsprechend benützen. Viele Leute kommen ja auch erst in finanzielle Troubles, wenn sich ihre Situation ändert: wenn das Einkommen sinkt oder sie den Job verlieren. Dann müssen die Finanzen rasch angepasst werden. Das sind Risiken, die der Einzelne nicht kontrollieren kann.

STANDARD: Es gibt aber schon auch Menschen, die einfach über ihre Verhältnisse leben ...

Bright: Richtig. Die Frage ist, warum jemand das tut. Das lässt sich am sogenannten Kaffeebecher-Experiment erklären. Durchgeführt wurde es an einer Universität. Die eine Hälfte der Studenten hat einen Kaffeebecher bekommen, die andere nicht. Dann sollte die Hälfte mit den Bechern diese an die andere Hälfte verkaufen. Dabei hat sich gezeigt, dass der Median beim Verkaufspreis mehr als zweimal höher war als das, was die Becherbesitzer selbst dafür bezahlt hätten. Man nennt das den Besitztumseffekt ("endowment effect"). Er besagt, dass, nur weil etwas mir gehört, es auch mehr Wert hat. Das Gleiche passiert bei Hauskäufen. Der Verkäufer will immer mehr haben, als er selbst gezahlt hat. Wenn der Käufer aber schon seine Kinder im Garten spielen sieht, wird das auch gezahlt. Dann versieht man Dinge mit einem Wert, den sie eigentlich nicht haben. Das erklärt, warum sich Leute zu hoch verschulden.

STANDARD: Wurde dieses Verhalten durch Kredit- und Bankomatkarten gefördert? Früher musste man ja erst zur Bank gehen, wenn man nicht genug Geld im Börsel hatte. Heute zahlt man halt bargeldlos.

Bright: Ja. Kreditkarten bringen manche Leute auch in finanzielle Schwierigkeiten. Es gibt den "Pain of pay"-Effekt. Bezahle ich bar, sehe ich, wie das Geld von mir weggeht - das schmerzt. Mit der Kreditkarte passiert das nicht. Da verlagere ich den Schmerz in die Zukunft. Weil man erst nicht spürt, wie das Geld weniger wird, wird tendenziell mehr ausgegeben. Was dabei verlorengeht, ist die Zeit, über Käufe nachzudenken.

STANDARD: Es gibt aber auch hier immer eine Gegenseite, die daran verdient ...

Bright: Richtig. Die Frage ist aber schon auch, was wir als Bank tun können, um Kunden erst gar nicht in Troubles schlittern zu lassen. Hat die Kreditkarte etwa ein bestimmtes Limit erreicht, könnte es eine Warnung geben, die die weitere Bezahlung für zehn Minuten sperrt. Das sind zehn Minuten, in denen nachgedacht werden kann, ob man etwas wirklich noch kaufen muss.

STANDARD: Die Technologie geht da aber in eine andere Richtung. Kontaktloses Zahlen etwa verringert die Zeit, um Ausgaben zu überdenken.

Bright: Das simmt. Technologien haben immer eine gute und eine weniger gute Seite.

STANDARD In Österreich wird viel darüber gesprochen, dass es zu wenig Finanzbildung gibt ...

Bright: Das sollte auf jeden Fall ein Thema in den Schulen sein. Auch Eltern müssen hier eine Rolle übernehmen. Taschengeld und klare Vorgaben, was damit zu finanzieren ist, halte ich hier für ein wichtiges Instrument.

STANDARD: Was ist aber mit all den Menschen, die die Schule lange hinter sich haben und Begriffe wie Inflation oder Zinsen nicht verstehen?

foto: andy urban
"Im Onlinebanking fehlen Farben. Warum ist dort alles schwarz-weiß und ein Minus nicht fett und rot?", fragt ING-Ökonom Ian Bright.

Bright: Das ist schwierig, weil Finanzbildung, wie gesagt, öde ist. Leute sind dann aufmerksam, wenn ihnen etwas wichtig ist. Diesen Zeitpunkt müssen die Banken finden. Dann sind Finanzchecks auch sinnvoll, weil man die Aufmerksamkeit der Leute hat. Wichtig wäre, mit Visualisierungen zu arbeiten. Im Onlinebanking fehlen Farben. Warum ist dort alles schwarz-weiß und ein Minus nicht fett und rot? Man könnte auch Bilder benutzen, um etwa Inflation zu erklären. Optisch zu zeigen, dass 1000 Euro in 20 Jahren im Wert kleiner werden, verdeutlicht den Begriff. Angenommen, ein Kunde spart auf ein Auto. Warum kann er nicht via Mail für jedes erreichte Sparziel mit einem Foto, auf dem das Auto je nach Sparleistung größer wird, belohnt werden - oder angespornt, wenn er dem Ziel hinterherhinkt?

STANDARD: Das sind gute Ideen. Was davon wird denn bei ING bereits umgesetzt?

Bright: Ehrlich gesagt, könnte da noch viel umgesetzt werden. Ich weiß, dass es etwa in der Türkei, in Spanien und Italien einen Erinnerungsservice gibt. Das wäre aber ein Weg, wie sich Banken ändern können.

STANDARD: Hat die Finanzkrise unseren Umgang mit Geld verändert?

Bright: Mir fällt keine Studie ein, die das untersucht hätte. Was man sagen kann, ist, dass seit der Finanzkrise in Bezug auf das Thema Pension der Bevölkerung noch mehr Verantwortung zugeschoben wurde. (INTERVIEW: Bettina Pfluger, DER STANDARD, 26.9.2014)

Ian Bright (54) arbeitet seit 2009 bei der Bank ING. Der Senior-Ökonom leitet ein Team, das sich um Verhaltensökonomie und persönliche Finanzen kümmert. Der Australier lebt mit Frau und vier Kindern in London und arbeitet im Blogg "ezonomics.com" Fragen auf, die User an ihn stellen.

  • Ian Bright hat viele Ideen, wie Banken für die Kunden wichtige Begriffe visualisieren können und diesen beim Sparen helfen können. Umgesetzt ist davon aber noch nicht viel.
    foto: andy urban

    Ian Bright hat viele Ideen, wie Banken für die Kunden wichtige Begriffe visualisieren können und diesen beim Sparen helfen können. Umgesetzt ist davon aber noch nicht viel.

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