"Es ist sicher für beide eine Win-win-Situation"

Interview25. September 2014, 19:09
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Die beiden Theaterleiter Frederic Lion (Nestroyhof) und Anna Maria Krassnigg (Salon 5) sind eine strategische Partnerschaft eingegangen. Was bedeutet das?

STANDARD: Sie beide arbeiten neuerdings in einer Theaterpartnerschaft Ihrer beiden Häuser, Nestroyhof sowie Salon 5. Wie sieht da die Zusammenarbeit aus? Und haben Sie diese Form selbst gewählt?

Lion: Entstanden ist das Ganze durch eine massive Budgeterhöhung des Nestroyhofs, die aber doch unter der Antragshöhe blieb. Von 700.000 erhofften Euros erhielten wir 440.000. Es gab dann die Idee der Kuratoren, einen Juniorpartner zu suchen, der auch eine Konzeptförderung erhält. Mir gefiel das, und ich halte das für eine Sicherheit im Hinblick darauf, einen gut durchdachten Spielplan zu machen. Dazu kommt eine Sympathie, die gewiss nicht verordnet wurde.

Krassnigg: Wie im Tierreich gibt es Verbindungen, bei denen man weiß: Mit dem kann ich.

STANDARD: Auf wie lange ist die Partnerschaft angelegt?

Lion: Wir lassen das entstehen und schauen, wie es uns geht. Es ist sicher für beide eine Win-win-Situation.

Krassnigg: Es gibt auch die Vision, nach dem Motto "Eins und eins ist drei" etwas Größeres daraus werden zu lassen.

STANDARD: Worin liegt der Mehrwert?

Krassnigg: Im gemeinsamen Denken und Planen, daraus entsteht automatisch ein Drittes.

Lion: Man muss aber sagen, dass es sich bei der "strategischen Partnerschaft" auch um einen Designerbegriff handelt, der von der Politik erfunden wurde, um Budgetprobleme zu kaschieren.

STANDARD: Soll durch die Partnerschaft bei den Strukturen gespart werden? Die sind jetzt noch getrennt.

Lion: Wir wollten nicht alles sofort umstürzen. Ja, es funktioniert nur, wenn wir die Verwaltung zusammenlegen, einen gemeinsamen Vorverkauf haben, uns organisatorisch helfen.

STANDARD: Sie sind also auf Frau Krassnigg zugegangen und haben ihr einen Antrag gemacht?

Krassnigg: So war's,. wobei der Begriff "strategische Partnerschaft" für uns beide, würde ich anmerken, zu unerotisch klingt. Mich ziehen verwundete Räume wie der des Nestroyhofs einfach an, Räume, die neben der Funktionsweise noch einen Mehrwert haben. Der Saal hat eine andere Opulenz als unser Raum in Wien-Fünfhaus.

STANDARD: Der Auftritt nach außen ist noch recht heterogen. Soll die Eigenständigkeit sichtbar gewahrt bleiben?

Krassnigg: Wir wollten die Doppelköpfigkeit bewusst erhalten.

Lion: Hinter den Kulissen aber greift schon sehr viel ineinander. Zum Beispiel bei den Besetzungen. Auch inhaltlich sind die Verschränkungen deutlich. Unser gemeinsames Motto heißt "Was tun?". Ein zentraler Autor wird da Robert Schindel sein. Wir planen für den Spätfrühling die Uraufführung seines Dramas Dunkelstein über den Wiener Juden Benjamin Murmelstein. Das Motto spiegelt sich auch in aktuellen Projekten wie Carambolage
wider. Darin werfen Menschen alte Handlungsmodelle über Bord.

Krassnigg: Wir suchen nach sehr starken inhaltlichen Synergien, etwa auch mit Schindels Der Kalte, einem sehr dialogschweren Prosastück, in dem sich der Hauptfigur ebenfalls die Frage nach der moralischen Verantwortung stellt.

STANDARD: Planen Sie weiteres Neues?

Lion: Wir werden die Gesprächsreihe "Salon Hamakom" neu ankurbeln mit dem Namen "Zielpunktfoyer". Es gibt zwei Kooperationsprojekte: eines mit den Wiener Wortstaetten, Zwischenzeit, und mit der Gruppe artfusion und Bärbel Strehlau Goodbye Europa. Wir nehmen "Sam's Bar" wieder auf, und im Jänner folgt eine Eigenproduktion noch ohne Titel, die Michael Gruner inszeniert.

STANDARD: Und vonseiten des Salon 5?

Krassnigg: Neben der Eröffnungspremiere Carambolage gibt es weiterhin die "LiteraTurnhalle", u. a. mit einem "Salon: Waldheim - die österreichische Wende", für den wir das Waldheim-Pferd des Republikanischen Clubs nach einer Skizze von Alfred Hrdlicka reinstallieren.

Lion: In diesem Zusammenahng ist mir wichtig zu sagen: Der Nestroyhof verpflichtet durch seine Vergangenheitsbefrachtung (als ehemals jüdisches Kulturzentrum, als Varieté etc.) zu einer starken gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Die Vergangenheit gibt eine starke Inspiration vor, aber das allein ist zu wenig. Wir wollen weitergehen, suchen da gezielt Anknüpfungspunkte in der Gegenwart.

STANDARD: Zusammengelegt, ergibt das Budget Ihrer Häuser nun knapp 600.000 Euro. Wird dadurch mehr möglich?

Lion: Es sind zusammengelegt 560.000, ob wir etwas vom Bund kriegen, steht in den Sternen.

Krassnigg: Nicht das Finanzielle ist der Mehrwert, sondern dass es nun das Ritual des Austauschs gibt. Zudem können zwei zusammengelegte Entitäten gemeinsam ganz anders auftreten. Das ist für mich das Wichtigste. Das finanzielle Plus ist das Mascherl der Kulturpolitik.

Lion: Allerdings muss auch gesagt werden, dass es eine fast hundertprozentige Erhöhung des Nestroyhofbudgets gab. Darin liegt für mich auch ein Bekenntnis der Stadt in Richtung Irreversibilität dieses Spielorts.

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr, dass der kleinere und weniger zentral liegende Salon 5 jetzt im Schatten steht, weil das Hamakom zur Hauptspielstätte wird?

Krassnigg: Nein, wir werden dort weiterhin stark präsent sein. Im November haben wir dort ein Hamlet-Projekt. Der Junge Salon ist dort stationiert. Wir kommen auf eine ähnliche Vorstellungszahl wie bisher, aber verteilen und nützen die Ressourcen unter den neuen Bediungungen anders.

Lion: Ursprünglich war ja angedacht, dass auch der Nestroyhof im Salon 5 spielt.

Krassnigg: Wir wollen noch offenlassen, wie zentralistisch wir es ausrichten. Wir sind gut unterwegs. Es könnte also sein, dass wir aus unseren jetzigen Erfahrungen sehr radikale Schlüsse ziehen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 26.9.2014)

Anna Maria Krassnigg (43) ist Theaterregisseurin und Gründerin der Wiener Bühne Salon 5. Seit 2012 hat sie eine Regie-Professur am Max-Reinhardt-Seminar inne. Ab 2015 wird sie ein neues Spielkonzept für das Sommertheater am Thalhof Reichenau entwickeln.

Frederic Lion (56), geboren in Zürich, ist Regisseur und Gründer der freien Gruppe Theater Transit in Wien. Er war regelmäßig am Volkstheater engagiert und hat an der Universität Tel Aviv unterrichtet. 2008 ließ er das Theater im Nestroyhof wiederauferstehen.


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit Hamakom / Salon 5. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Theaterehe mit offenem Ende: Anna Maria Krassnigg und ihre Spielstätte Salon 5 schlagen mit Beginn dieser Saison eine Brücke zu Frederic Lions Nestroyhof/Hamakom in der Leopoldstadt.
    foto: christian mair

    Theaterehe mit offenem Ende: Anna Maria Krassnigg und ihre Spielstätte Salon 5 schlagen mit Beginn dieser Saison eine Brücke zu Frederic Lions Nestroyhof/Hamakom in der Leopoldstadt.

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