Prince: Edle Balz und ein lächerlicher Ernstfall

25. September 2014, 18:31
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Liebe geht durch den Körper. Wenige wissen das so genau wie Prince. Mit seinem Funk weist er der Liebe den Weg. Das geht auf einem neuen Album halbwegs gut, beim zweiten nimmt er die falsche Abzweigung

Wien - Sagen wir so, stünde da nicht "Prince" auf der CD-Hülle, flöge der Silberling schon während der ersten Nummer aus dem Player in den Kübel. Denn, wie soll man es sagen, ohne denselben Fehler zu machen wie zuletzt die Dame von Ö3 mit ihrer Äußerung über heimische Bands, der Song ist Schrott.

Art Official Age eröffnet das neue, gleichnamige Album von Prince. Das eine. Denn Prince Rogers Nelson veröffentlicht am heutigen Freitag gleich zwei neue Alben. Kein Doppelalbum, sondern zwei separate Teile.

Art Official Age ist das Funkalbum und der Titelsong schon besprochen. Eine üble Ausgeburt. Bombastisch. Billig. Mit Beats vom Bahnhofhäusl. Der Funk, den er uns da präsentiert, ist der Funk aus der Vorstadtdisco. Großraum. Dort, wo mann am Samstagabend im Feiertagstrainingsanzug hingeht. Der mit den glänzenden Streifen, die so super zum Goldketterl von Uschi passen. Geil. Leasing-Auto-Angeber-Funk und Kompressorgesang.

Aber einem Monarchen, und sei es nur ein selbstbehaupteter, gesteht man einen zweiten Versuch zu. Und im Falle des heute 56-jährigen Prince gibt es natürlich ein Gesamtwerk, das gezeigt hat, dass er kann, was er tut, wenn er will. Und tatsächlich: Clouds, das dem Opener folgt, zeigt den Prinzen, wie man ihn schätzt.

Damen den Hals küssen ...

Mit abgebremstem Future-Retro-Funk, also einer Mischung aus heute und vorgestern, lässt er sich anbraten und brät auf Höhe seiner Stöckelschuhe zurück. Im Falsett singt er vom "Kiss on the Neck", den die Dame nicht erwartet, und rollt sich wie ein Kater, gurrt wie ein Tauberl. Das Vorspiel hat längst begonnen, Prince spielt ein kurzes Solo und markiert einen frühen Höhepunkt. Am Album.

Ja, er zaubert immer noch. Seit 36 Jahren und 34 Alben. Nicht alle davon sind Gold, nicht auf jedem war ein Purple Rain drauf, das aber eigentlich eh eine hochnotpeinliche Machbarkeitsstudie und nur in der testosteronfreien Countryfassung der Okra Allstars erträglich ist. Aber mit Werken wie Around the World in a Day, 1999, Sign o' the Times, ein paar mehr und Musicology, seinem letzten wirklich geilen Album von 2004, hat er Meilensteine gesetzt.

Prince war in den 1980ern und 1990ern Superstar und hat das, anders als der Michael Jackson, halbwegs unbeschadet überstanden. Natürlich ist der US-Amerikaner aus Minneapolis das, was man einen schwierigen Charakter nennt, aber die einfachen sind ja selten interessant.

... und sie dann vernaschen

Und was heißt schon schwierig? Die Themen des Prinzen sind die Themen des Funk, und da geht es meist um Verführung. Um die Balz, ein bewegliches Becken, die Liebe, die der Körper braucht und gibt. Diesbezüglich reicht Prince reichlich, immer schon. In einer Mischung aus 1980er-Jahre-Funk und zeitgenössischen Soundtorheiten schiebt er Midtempo-Wuchteln wie The Gold Standard, U Know oder Breakfast Can Wait aus der zuckenden Hüfte. Wer braucht schon Frühstück, wenn eines im Bett neben einem liegt, das vernascht werden will? Wieder und wieder, bis man denkt, gleich kommt die Polizei, der Lautstärke wegen. Wow, was bin ich für ein Lovermän! Romantisch verlinkt sein heißt das auf Amerikanisch.

Die angebliche Hitsingle des Albums ist dann wieder lächerlich. Schon der Titel verspricht nichts Gutes: Funknroll, das klingt nach nicht Fisch, nicht Fleisch. Und so kommt es auch. Mit Justin-Bieber-Stimmspielzeug und elektronischen Bassläufen aus der Klasse von 1998 beschwört Prince eine Party, die mit diesem Song sicher nicht in Fahrt kommt. Aber vielleicht wird das Stück ein Hit in den hinteren Gassen des Wurstelpraters. Dort passte es jedenfalls hin.

Das waren die guten Nachrichten. Aber wie schon erwähnt, bescheidet Prince sich bei seiner Rückkehr zu Warner Music nach 18 schmollenden Jahren nicht mit einem Album. Mit der Band 3rdEyeGirl hat er PlectrumElectrum produziert, und dafür muss man umdenken.

Und zwar in Richtung Realsatire, denn so wirkt dieses Album, wie ein lächerlicher Ernstfall. Prince und die drei in der Montur von Sexarbeiterinnen antretenden Musikarbeiterinnen holzen dumpfen, dafür eitlen Hardrock aus ihren Saiten. Die Deep-Purple-Musikschule für Minderbegabte. Bar jeder Eleganz, sodass es dem Paarhufer mit der Steckdosennase graust.

Tiefpunkt dieses Fehltritts ist AintTurninAround. Ein Lied, das an den geföhnten und gemeschten Pudelrock von Europe erinnert. Oder an die drolligen Hardcore-Versuche des Rappers Ice-T mit der Band Body Count. Wem das nichts sagt, nur so viel: Das ist Musik, die die Welt nicht braucht.

Hart kuscheln

Zwischen diesen mehr breit- als langbeinigen Stampfern dürfen die drei harten Weiber mit dem Meister ein bisserl kuscheln, das Klischee der rockenden Motorradschnepfen verlangt das so, Entschuldigung, aber man fühlt sich von dieser Musik tatsächlich wie besudelt. Prince haut mit PlectrumElectrum daneben. Volle Kanne. Art Official Age hingegen zeigt ihn in Form. Nicht in Bestform, aber auch nicht in Gefahr, gleich in der Regionalliga zu verschwinden. Hoffen wir, dass PlectrumElectrum ein einmaliger Fehltritt bleibt und nicht gleich die Ära der Schrulligkeit einläutet. (Karl Fluch, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Welch edles Antlitz dem Prinzen da gebastelt wurde. Musikalisch gibt er sich auf seinen neuen Alben gespalten. Einmal kredenzt er Hausmarke, einmal macht er den Handlanger für den Schweinerock von 3rdEyeGirl.
    foto: warner music

    Welch edles Antlitz dem Prinzen da gebastelt wurde. Musikalisch gibt er sich auf seinen neuen Alben gespalten. Einmal kredenzt er Hausmarke, einmal macht er den Handlanger für den Schweinerock von 3rdEyeGirl.

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