Milizenaufbau und viel Misstrauen gegen Kiew in der Ostukraine

Reportage26. September 2014, 05:30
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Während der Waffenruhe wird an der Bewaffnung gearbeitet, teils auch von Rechtsradikalen

Die südostukrainische Hafenstadt Mariupol durchlebt in diesen Tagen stürmische Zeiten. Mitte der Woche legte ein Stromausfall das Leben der Stadt - Frontstadt von Kämpfen zwischen den prorussischen Separatisten und der ukrainischen Armee - fast komplett lahm. Alexej Alexejew lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Er ist am Vormittag ins Kulturhaus der Jugend in die Garlampiewska-Straße 17 gekommen. Er ist der Leiter der Oborona Mariupol, einer Gruppe, die sich dem Schutz der Stadt und der dort verbliebenen Einwohner verschrieben hat - auch mit militärischen Mitteln, wenn es sein muss.

Im zivilen Leben arbeitet der 39-jährige Familienvater als Marketingspezialist, wollte im Herbst eigentlich den Startschuss für ein großes Projekt geben. "Doch dann kam der Krieg", sagt er. Nun sitzt er seit Wochen im Büro des Kulturhauses und organisiert die Arbeit der Freiwilligen. Es geht dabei auch um Männer, die sich dort zur Verteidigung gemeldet haben. Andere dagegen würden Befestigungsanlagen in der und um die Stadt bauen oder Kleidung, Lebensmittel, Medizin sammeln.

Drei Bataillone

Seit dem 1. September sei das für ihn ein Fulltimejob. Damals waren die russischen Truppen bis auf wenige Kilometer an die Hafenstadt herangekommen.

Mittlerweile seien zwei Freiwilligentruppen in der Stadt aktiv - aber auch das rechtsextreme Bataillon Asow. Technik, Ausstattung, Waffen und Versorgung würde die Stadt aus Spenden finanzieren. "Auch aus dem Ausland kommen Geldbeträge, vor allem aus den USA und Kanada." Alexejew teilt sich mit einem Mitarbeiter der Stadt das Büro. Während des Gesprächs zählt dieser bündelweise Geldscheine, auch Fremdwährung. Woher diese Mittel genau stammen, könne nicht öffentlich gesagt werden.

Die derzeitige Lage sei trotz Waffenstillstands "angespannt", erzählt Alexejew. Er werde immer noch oft von Kanonendonner geweckt. Zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er im Ostteil Mariupols. Dort verläuft die Stadtgrenze, die Straße E56 ist durch Sandsäcke und Militärfahrzeuge gesperrt. Wer Mariupol Richtung Osten verlassen will, tut das auf eigene Gefahr.

"Präsident zu nachgiebig"

Er schaut jeden Tag bei der Oborona Mariupol vorbei. Im Büro des Direktors lässt er sich bei einem Tee über die aktuelle Lage informieren. Von der Wand schaut Präsident Petro Poroschenko herab, dessen Porträt gewöhnlich in jeder ukrainischen Amtsstube hängt. "Wir haben allerdings oftmals den Eindruck, dass die in Kiew ihre Dinge machen - und wir unsere", sagt Alexejew.

Diejenigen Bewohner, die jetzt noch in der Stadt lebten, hätten ein Anrecht darauf, dass die Stadtführung sie beschützt, sagt Bürgermeister Juri Gotlubej. Er ist seit 1994 Stadtoberhaupt, war früher gut auf den Exgouverneur von Donezk und späteren ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch zu sprechen. "Bei allen Fehlern, die der frühere Präsident möglicherweise hatte, möchte ich darauf hinweisen, dass er durch Wahlen in sein Amt gekommen ist. Er war rechtmäßiger Präsident." Wie sich Poroschenko bewähren werde, müsse man sehen.

"Nicht von Kiew vergewaltigen"

Sie setzen vor allem auf den jetzigen Gouverneur Donezks, Sergej Taruta, der den jüngsten Parlamentsbeschluss für einen Sonderstatus der von Rebellen gehaltenen Gebiete in Donezk und Luhansk als zu nachgiebig kritisiert hatte. Kiew habe kein Recht, "uns mit solchen Gesetzen zu vergewaltigen". Die Befürchtung Gotlubejs und Alexejews ist, dass die politische Führung in Kiew den Donbass opfern könnte. Der Druck aus dem Westen sei groß.

Als er sich verabschiedet, warten vor seinem Büro mehrere Männer. Einige tragen Militärkleidung und automatische Waffen. Dieser Anblick gehöre derzeit zum Straßenbild einer ostukrainischen Stadt. Alexejew sagt am Ende, er würde sich freuen, wenn er noch einmal Besuch aus dem Westen bekäme. "Dann, wenn bei uns wieder Frieden ist. (Nina Jeglinski aus Mariupol, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Wer die südostukrainische Hafenstadt Mariupol in Richtung Osten verlässt, tut dies auf eigene Gefahr. Die großen Kämpfe um die Stadt sind zwar seit Beginn des Waffenstillstands etwas abgeflaut. Noch immer sind aber täglich Schüsse und Explosionen zu hören, und auf den Straßen sind Sperren postiert.
    foto: reuters/vasily fedosenko

    Wer die südostukrainische Hafenstadt Mariupol in Richtung Osten verlässt, tut dies auf eigene Gefahr. Die großen Kämpfe um die Stadt sind zwar seit Beginn des Waffenstillstands etwas abgeflaut. Noch immer sind aber täglich Schüsse und Explosionen zu hören, und auf den Straßen sind Sperren postiert.

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