IS-Einsatz: Ankara bleibt unschlüssig

25. September 2014, 18:20
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Die Kurdenfrage erschwert der türkischen Regierung eine Entscheidung zum Vorgehen gegen die IS. Ein General nennt die Luftwaffe "untauglich" für den Einsatz

New York / Ankara - Ein grimmiger Tayyip Erdogan hat vor der UN-Vollversammlung in New York die mangelnde Solidarität des Westens mit seinem Land beklagt, das bereits mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen habe. Doch gleichzeitig fällt es der türkischen Führung auch eine Woche nach der Offensive der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im syrisch-türkischen Grenzgebiet offenbar schwer, eine klare Haltung zur Bekämpfung der Islamisten zu formulieren. So meldete nun auch die türkische Armee Zweifel an der Militärintervention der USA und ihrer arabischen Verbündeten an: Mit Luftangriffen könnte die IS nur schwer aus den syrischen Gebieten vertrieben werden, so wurde der Kommandant der Luftstreitkräfte, Erdogan Karakus, am Donnerstag zitiert.

Ironische Späße über "Weltführer Erdogan"

Erdogan sprach vor einem weitgehend leeren Plenum am UN-Sitz in New York, was regierungsnahe türkische Medien wie die Tageszeitung Star durch Fotomontagen zu verbergen versuchten. Twitter-Schreiber mokierten sich gleichwohl über den "Weltführer Erdogan" und die leeren Sitzreihen. In der Sache war dem türkischen Staatspräsidenten aber nur schwer zu widersprechen. "1,5 Millionen Menschen sind in meinem Land, und wir geben ihnen Nahrung, Medikamente, Bildung", sagte Erdogan, "was aber ist mit den reichen und starken Ländern Europas? Sie haben bisher nur 130.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen."

Erdogan bekräftigte auch seine erst diese Woche öffentlich erklärte Einschätzung, die IS sei eine Terrororganisation: "Wir akzeptieren keine Art von Terrorismus im Namen einer Religion." Bisher war Ankara immer bemüht, den Begriff im Zusammenhang mit der sunnitischen Islamistenmiliz zu vermeiden. Politische Beobachter in der Türkei sehen hinter dem Insistieren auf die Flüchtlingsfrage und der Unschlüssigkeit, wie die IS zu bekämpfen sei, andere Probleme - die Rolle der Kurden in diesem militärischen Konflikt, ihr Gewicht und ihre Möglichkeiten nach einem Rückzug oder gar der Zerschlagung der IS in Syrien.

"Konfuser Erdogan"

Erdogan sei konfus, stellte ein Kommentator fest. Den Kurden unterstelle der Präsident ein doppeltes Spiel. Die syrischen Kurden seien vor der IS zurückgewichen wie zuvor die irakische Armee, wurde Erdogan zitiert. Wenn international gegen die IS-Miliz vorgegangen werde, müsse auch die "Separatistenorganisation" bekämpft werden, soll der türkische Präsident gesagt haben und damit die verbotene PKK gemeint haben. Mit der führt der türkische Staat derzeit aber immer noch Friedensverhandlungen.

Neue Berichte über den Ablauf der Geiselnahmen im türkischen Konsulat in Mossul durch die Terrormiliz im Juni und über die Freilassung der 46 türkischen Geiseln am vergangenen Wochenende lassen die Regierung in Ankara zudem in schlechtem Licht erscheinen. Das Konsulat sei im Juni von 500 bis 1000 IS-Kämpfern umstellt worden, gab der Handelsattaché an. Ein Mitglied der türkischen Armeespezialkräfte, das ebenfalls unter den Verschleppten war, berichtete, die Gruppe sei von den Islamisten an die türkische Grenze gefahren worden und musste dann dort vier Stunden auf den türkischen Geheimdienst warten, um in Empfang genommen zu werden. Eine Befreiungsaktion gab es demnach gar nicht. (Markus Bernath, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Der türkische Präsident Erdogan kritisierte die Flüchtlingspolitik des Westens.
    foto: ap / seth wenig

    Der türkische Präsident Erdogan kritisierte die Flüchtlingspolitik des Westens.

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