Ärzte wollen weniger Arbeit bei gleichem Lohn

25. September 2014, 17:26
574 Postings

Spitalsärzte müssen ab Jänner ihre Wochenarbeitszeit radikal senken. Ihr Gehalt dürfe sich aber nicht verringern, fordern sie

Wien/Klagenfurt - Spitalsärzte sollen in Zukunft kürzer arbeiten. Die Arbeitszeit der Mediziner, die wöchentlich noch bis zu 72 Stunden und darüber hinaus tätig sind, wird bis Mitte 2021 schrittweise auf das von der EU vorgeschriebene Maß von 48 Wochenstunden reduziert. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf hat Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) dieser Tage vorgelegt. Österreich reagiert damit mit gut zehnjähriger Verspätung - denn bereits 2003 hatte die EU diese Arbeitszeitbegrenzung vorgeschrieben.

Es war jetzt aber Eile geboten, weil die EU Österreich empfindliche Strafzahlungen androhte, sollte die Arbeitszeitregelung nicht bis 1. Jänner 2015 umgesetzt werden. Das Gesetz steht jetzt also, alle - auch die Ärztekammer - sind zufrieden. Die zentrale Frage blieb bisher aber ausgespart: Wer finanziert die Arbeitszeitverkürzung, die die Anstellung Hunderter neuer Ärzte notwendig macht?

Voller Lohnausgleich

Am Donnerstag setzten die Kärntner Spitalsärzte die Landespolitik schon ordentlich Druck und verlangten eine zügige Umsetzung der neuen Regelung. Und sie machten deutlich, dass sie es nicht für weniger Geld machen werden. Der Zentralbetriebsratschef der Kärntner Landesspitäler, Arnold Auer, sagte unumwunden: "Die Ärzte wollen so viel, wie sie derzeit bei 60 Wochenstunden verdienen, schon bei 48 Stunden bekommen. Dafür müssten die Grundgehälter um 25 bis 30 Prozent steigen."

Dies wäre ein Mehraufwand für das Land Kärnten im Ausmaß von 30 Millionen Euro, "ein Betrag, der das Land sicher nicht stemmen kann", sagt der Vorstand der Kärntner Spitalsholding Kabeg, Arnold Gabriel, im Gespräch mit dem STANDARD. Daher müsse auch der Bund im Rahmen des Finanzausgleichs bei der Finanzierung der Spitalsärzte mithelfen.

Für die Ärzte steht jedenfalls außer Zweifel, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit natürlich mit vollem Lohnausgleich einhergehen müsse. Ärztekammersprecher Martin Stickler im STANDARD-Gespräch: "Natürlich liegt die Forderung der Ärztekammer nach vollem Lohnausgleich auf dem Tisch. Das Ganze ist ja ein Versäumnis der Länder, die wissen schon seit Jahren, dass sie an der Arbeitszeit hätten, etwas ändern müssen."

Konsequenzen für Spitäler

Da die Länder die Mehrkosten - es müssen im Gegenzug zur Arbeitszeitverkürzung ja auch neue Ärzte eingestellt werden - kaum aus ihren Landesbudgets decken können, kommen jetzt natürlich auch die Spitäler selbst und die dortigen Einsparungspotenziale ins Spiel. Österreicher liegen im international Schnitt ja überproportional oft im Spital oder suchen ebenso außergewöhnlich oft die teuren Spitalsambulanzen auf. Hier werde die Politik in den Ländern, wenn die Landtagswahlen 2015 über die Bühne gegangen sein werden, ansetzen, ist man sich unter Spitalsexperten einig. Dabei werde man auch über etwaige Spitalsschließungen nachdenken müssen.

Was aber nicht zwingend eine Verschlechterung der Versorgung mit sich bringen muss, wenn ärztliche Leistung aus den teuren Spitälern hinaus zu den Hausärzten, in Gemeinschaftspraxen und in neue medizinische Anlaufstellen verlagert wird. Die die Auslagerung von Leistungen der Spitalsambulanzen, die auch von Hausärzten erbracht werden könnten, brächten jährlich 350 Millionen Euro netto an Einsparung, sagt Kammersprecher Stickler.

"Klingt sehr schön", kontert Kabeg-Chef Gabriel, "die Praxis schaut halt völlig anders aus." Auch in Kärnten werde ein Run auf die Spitalsambulatorien registriert. Jährliche Zuwachsrate bei den Patientenzahlen: sieben Prozent. Arnold Gabriel: "Das liegt daran, dass die Ambulatorien einfach viel attraktivere Öffnungszeiten haben. Suchen sie einmal am Wochenende einen Kinderarzt oder einen Facharzt. Die haben alle geschlossen. Das ist in Wirklichkeit das ganz große Problem." (Walter Müller, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Die Spitäler werden bald selbst zum Notfall. Wegen der kürzeren Arbeitszeiten der Ärzte müssen hunderte neue Ärzte angestellt werden. Doch woher nehmen? Es herrscht Ärztemangel.
    foto: der standard/maurer

    Die Spitäler werden bald selbst zum Notfall. Wegen der kürzeren Arbeitszeiten der Ärzte müssen hunderte neue Ärzte angestellt werden. Doch woher nehmen? Es herrscht Ärztemangel.

Share if you care.