Versandelt

Kolumne25. September 2014, 17:22
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Wenn Ermittlungen nur lange genug dauern, wächst die Chance auf eine Hinfälligkeit

Empor die Herzen! Ist es nicht erhebend, miterleben zu dürfen, wie wieder einmal ein überlebender Leistungsträger aus der glorreichen Zeit der schwarz-blau/orangen Koalition einer harmoniesüchtigen Justiz die Kapitulation vor einer Leistung abnötigt, von der er nicht einmal selbst wusste, worin sie bestand? Die Zeit, sagt man, heilt alle Wunden, und wenn man sie nur lange genug verstreichen lässt, sorgt sie gnädig dafür, dass es mit ein paar Schrammen abgeht, die einem, der es schon früh gern "bar aufs Handerl" wollte, höchstens einen augenzwinkernden Lacher kosten.

Man fragt sich ja, warum eine misstrauische Behörde sich die Mühe macht, Telefone abzuhören und davon Protokolle anzufertigen, wenn das abgehörte Geständnis, beiläufig 700.000 Euro eingestreift zu haben, ohne zu wissen wofür, sich nur deshalb in eine Unschuldsvermutung verwandeln kann, weil ein Tatbeteiligter seinem Kumpel und Geschäftspartner ein schlechtes Gedächtnis attestiert, und das mit der Aussagekraft, als wäre er ein gerichtsbestellter Psychiater.

Aber das ist eben der Vorzug sorgfältiger Ermittlungen: Wenn sie nur lange genug dauern, ist mit so etwas wie einer natürlichen Auslese der Zeugen zu rechnen, es wächst die Chance auf eine Hinfälligkeit, die es über Jahre hinweg leider, leider unmöglich macht, dem einen oder anderen noch eine Aussage zu entlocken. Dass es sich dabei möglicherweise um Belastungszeugen handelt, ist, wenn der Fadenschein nicht trügt, reiner Zufall. Da ist es dann ein Glücksfall für die Justiz, wenn wenigstens ein aussagekräftiger Zeuge übrigbleibt, nämlich eben der Wunderheiler, der die Gedächtnisschwäche des Verdächtigten bei seiner Einvernahme als Beweis für dessen Unschuld ins Treffen führte, nachdem er sie Jahre zuvor - präzise abgehört - telefonisch kuriert hatte. Unter der Wucht dieses Loyalitätsbekenntnisses blieb gar nichts anderes übrig, als die subtile Entscheidung zu treffen, der Satz "Wo woar mei Leistung?" klinge zwar wie ein Geständnis, aber das Echo sei einfach zu schwach - und den Fall endlich versandeln zu lassen. Es ging ja auch nur um öffentliches Vermögen.

Für einen anderen Leistungsträger aus dieser Zeit ist dieser Vorgang nicht der erste Hoffnungsschimmer, ebenso billig davonzukommen, auch wenn der Fall bei ihm umgekehrt liegt. Da kann sich zwar er präzise erinnern, zum Beweis seiner Männlichkeit grenzüberschreitend 500.000 Euro für seine Schwiegermutter angelegt zu haben, aber sie kann sich nicht erinnern, was bei diesem Griff in ihr Portemonnaie ihre Leistung gewesen sein soll. Da die Justiz kaum fürchten muss, sie werde nach Österreich kommen und als Zeugin auftreten, ja nicht einmal ein Abhörprotokoll von dieser innerfamiliären Transaktion vorliegt, das man verharmlosen müsste, ist mit einer Bestätigung von Unschuld, Schönheit und Genie zu rechnen.

Der letztverantwortliche Justizminister wird dazu keinen Weisenrat benötigen. Umso weniger, als solche Fragen höchstens noch die Grünen interessieren. Roten Gartenzwergen gehen solche und ähnliche Fragen nur noch an der Zipfelmütze vorbei. (Günter Traxler, DER STANDARD, 26.9.2014)

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