Brigitte Bardot wird 80: Schmollmund ohne Lifting

26. September 2014, 14:11
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Adieu Avantgarde, doch der Mythos lebt: BB, das Sexsymbol der 1960er-Jahre, verkörpert Frankreich bis heute - aber es ist ein in die Jahre gekommenes Frankreich

Etwas muss die Bardot noch haben. Der erfahrene Pariser Journalist Laurent Delahousse (45) schmolz jedenfalls fast vor der einstigen Diva, als sie ihn jüngst in ihrem Anwesen an der Côte d'Azur empfing. In ihrem ersten und einzigen Interview seit Jahren - es wird nächste Woche auf dem Sender France-2 ausgestrahlt - erzählt Brigitte Bardot, wie es damals war, als sie der halben Welt den Kopf verdrehte, und wie es heute ist, da sie der Welt selber den Rücken kehrt. Sie lebe im Frieden auf ihrem Anwesen ob Saint-Tropez, meinte sie etwas traurig. "Ich bin sehr, sehr allein, und ich liebe das."

Etwas muss sie noch haben, "la" Bardot, auch wenn die TV-Kamera nur ihr Profil zeigt, ihre schöne Nase, ihren schönen Mund, alles ungeliftet, ein wenig verdeckt von den Blumen in ihren Haaren. Unten am Meer bringt ein Schiff die Touristen auf einer BB-Tour an jenem Ort vorbei, wo Bardots dritter Gatte Gunter Sachs aus dem Helikopter einst Blumenblüten schüttete, um ihr seine ewige Liebe (sie hielt drei Jahre) zu gestehen.

Dylan inspiriert, Lennon illuminiert

Vor dem deutschen Playboy waren ihr schon ganz andere Männer verfallen. Bob Dylan soll seinen ersten Song über sie geschrieben haben, John Lennon nahm LSD, bevor er ihr entgegenzutreten wagte. Die französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing und François Mitterrand stierten ihr - Fotos belegen es - wie pubertäre Schuljungen nach. Und der Papst ließ sie 1958 gar zur "Inkarnation der Sünde" erklären.

Dabei stammte Brigitte aus der gutkatholischen Pariser Bourgeoisie. Schon mit 15 fand sie sich auf der Titelseite von "Elle" wieder. Mit 18 heiratete sie den Filmemacher Roger Vadim, und der schrieb ihr die Hauptrolle des Filmes "Und immer lockt das Weib" auf den Leib. Auf Französisch lautete der Titel subtiler "Et Dieu créa la femme" (Gott schuf die Frau). Und so war denn der Mythos BB geboren. Am Filmfestival in Cannes stellte die Französin Sophia Loren und Gina Lollobrigida ohne weiteres Zutun in den Schatten.

Es folgten viele Bardot-Filme, die die Zeit kaum überdauert haben. Wichtiger war, dass Serge Gainsbourg für sie 1967 "Je t'aime... moi non plus" verfasste. Das schweißtreibendste aller Chansons wurde (auf Betreiben des eifersüchtigen Gatten Sachs) gerichtlich verboten, und Gainsbourg musste es mit Jane Birkin neu aufnehmen. Doch auf den männlichen Hirnseiten waren nun die "initiales B.B." - so eine weitere Chanson-Hommage Gainsbourgs - auf immer eingebrannt.

Verstörend: Sie tut, was sie will

Sogar der Puritaner Charles de Gaulle lud die (falsche) Blondine mit der Stundenglas-Silhouette 1967 ins Elysée ein. Bardot erschien im schicken Hosenanzug, was den Frauen damals vom Elysée-Protokoll untersagt war. Der General sah großzügig darüber hinweg, und auch die Urfeministin Simone de Beauvoir freute sich: "Das Verstörende ist, dass sie genau das tut, was sie will." Frankreich war reif für Mai `68, und BB wurde zu einer Ikone der Frauenbefreiung stilisiert. Dabei hatte sie die Journalistenfrage, was sie über die "freie Liebe" denke, sehr unpolitisch beantwortet: "Wenn ich Liebe mache, denke ich nicht nach."

1973 tat die "Gottgeschaffene" das Übrige für ihren Mythos: Sie dankte schon 39-jährig ab, und zwar definitiv. BB hatte genug von den Zweibeinern der Schöpfung und widmete sich nur noch dem Tierschutz. Ihre nach ihr benannte Stiftung rettete zehntausende von Robben, Elefanten und Strassenhunden. Dann schimpfte Bardot aber auch lauthals über islamische und jüdische Schlachtrituale; 2004 warnte sie in einem Buch vor der Islamisierung Europas, der modernen Kunst, der Immigration und dem Fastfood. In vierter Ehe heiratete sie ein Kadermitglied des rechtsextremen Front National und äußerte Sympathien für dessen Präsidentin Marine Le Pen.

Die Franzosen fragten bang, ob wohl auch der Mythos BB zerbreche, wenn seine ehemalige Inhaberin mit Vorsatz in die braune Pfütze trete.

Bardot und Belmondo, de Gaulle und de Funès

Als der Front National bei den Europawahlen in diesem Mai zur stärksten Partei Frankreichs aufstieg, machte der Autor Olivier Guez bei der französischen Nation ein "Brigitte-Bardot-Syndrom" aus. Die Grande Nation, so monierte der Franzose in der FAZ, sei wie ihre Diva nicht mehr die Speerspitze der Moderne, der Avantgarde und der Freiheit, sondern ängstlich, verschlossen und reaktionär geworden.

Die These hat etwas für sich: Die tausendjährige Nation, die sich stets als der Nabel der Welt empfand, hat wohl wie Bardot ihre besten Tage hinter sich. Letztere vermisst in ihren Erinnerungen von 2004 selbst das "Frankreich von damals", das sie selber verkörperte. Bardot und Belmondo, de Gaulle und de Funès, das waren die "trente glorieuses", die glorreichen Nachkriegsjahre Frankreichs.

Doch war wirklich so glorreich? Bardot zumindest, die sich aus dem knallharten Filmbusiness zurückzog, um nicht wie Marilyn Monroe zu enden, war in Wahrheit nie eine Ikone der sexuellen Befreiung oder gar von Mai 68 gewesen. Sie ordnete sich den Männern unter, die ihr Image fabrizierten, und sie war weniger Feministin als es heute Beyoncé ist.

Längst keine politische Rebellin

"Ich kam zu den Filmaufnahmen, wann ich wollte, ich ging den Leuten gerne auf den Wecker", sagte der Schmollmund der Nation. Aber das macht Bardot noch längst nicht zu einer politischen Rebellin: Sie gab sich für Briefmarken genauso her wie für die Büste der Marianne, der nationalrepublikanischen Symbolfigur. Und sie ist heute auch keine linientreue "Frontistin"; unlängst fand sie sogar freundliche Worte für Präsident François Hollande, weil dieser etwas für den Artenschutz in Afrika tun will.

Nein, Bardot war eigentlich nie politisch. Und der Mythos BB deshalb ein bloßes Missverständnis. Aber wie John F. Kennedy sagte, das schönste, das Frankreich der Welt neben der Freiheitsstatue geschenkt hat. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Ein Warhol-Porträt Brigitte Bardots bei einer Auktion in Zürich.
    foto: reuters/arnd wiegmann

    Ein Warhol-Porträt Brigitte Bardots bei einer Auktion in Zürich.

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