Frankreich von Geiselmord schockiert

25. September 2014, 16:51
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Es herrscht Bestürzung über die Enthauptung von Hervé Gourdel, auch Muslime wollen gegen die "Barbarei" demonstrieren

Das überlebensgroße Bild von Hervé Gourdel bleibt am Rathaus des Alpendorfs Saint-Martin-Vésubie hängen – jetzt allerdings nicht mehr als Solidaritätsbekundung mit einer lebenden Geisel, sondern mit einem Trauerflor versehen. Nach der brutalen Ermordung des 55-jährigen Bergführers in Algerien versammelten sich am Donnerstagnachmittag viele der 1300 Einwohner auf dem Dorfplatz. "Er war so sanft, und er lebte nur für den Sport", meinte ein ältere Dame in die TV-Kameras, und ihre Begleiterin zischte: "Das sind wirklich Barbaren."

Gourdel war von der Terrorgruppe Jund al-Khalifa im Berggebiet der algerischen Kabylei gekidnappt und nach einem nur 24-stündigen Ultimatum enthauptet worden, weil Frankreich gegen die syrisch-irakische Miliz IS Lufteinsätze fliegt. Das knapp fünfminütige Video der Ermordung zeugt von einer seltenen Brutalität, die in Frankreich eine Welle der Bestürzung, Wut und Abscheu ausgelöst hat.

Auch französische Muslime zeigten sich schockiert. Dalil Boubakeur, der Vorsteher des muslimischen Kultusrates, rief für Freitag "alle Muslime Frankreichs und ihre Freunde" zu einer Kundgebung vor der großen Pariser Moschee gegen den "barbarischen und blutigen Horror dieser Terroristen" auf. Für Sonntag ist an der Pariser Place de la République eine weitere Demonstration französischer Muslime geplant.

Präsident François Hollande ordnete an, die Nationalflaggen drei Tage lang auf Halbmast zu setzen. Er selbst zeigte sich "noch entschlossener", den Kampf gegen IS fortzusetzen. Am Donnerstag flogen französische Rafale-Jets neue Einsätze im Irak. Der Geiselmord bringt sogar völkerrechtliche Prinzipien der französischen Außenpolitik zum Wanken: Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian schließt nicht mehr aus, dass Frankreich auch in Syrien eingreifen könnte - wozu der Uno-Sicherheitsrat an sich kein Mandat erteilt hat. Hollande stellte einen solchen Kurswechsel in der Folge in Abrede, erklärte aber, sein Land werde die liberale Opposition in Syrien noch stärker mit Waffen unterstützen.

Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinettes in Paris gab Hollande auch die Verstärkung des Antiterrorplans Vigipirate "an öffentlichen Orten und im öffentlichen Verkehr" bekannt. Damit sucht er auch die peinliche Panne vom Vortag zu beheben, als drei polizeilich gesuchte Jihadisten im Flugzeug unbehelligt nach Frankreich zurückkehren konnten, obwohl die Behörden über ihre Ankunft im Bilde waren.

Das Außenministerium in Paris ruft die expatriierten Franzosen in dreißig Ländern zu besonderer Vorsicht auf. Das gilt vor allem für die drei Maghrebstaaten Algerien, Tunesien und Marokko, wo zehntausende von Franzosen leben und ebenso viele Urlaub machen. Der Verband französischer Reiseagenturen (SNAV) verlangte von der Regierung in Paris eine "Klärung", ob Länder wie Tunesien, Marokko und Ägypten generelle oder nur lokale Risiken darstellten - "oder gar keine".

Der Terrorismusexperte Roland Jacquard meinte, die Franzosen seien "soft targets" (weiche Ziele) geworden: "Die Amerikaner sind schwieriger zu kidnappen, weshalb sich die Terroristen den Franzosen zuwenden." Diese seien aus historischen Gründen zahlreicher in Nordafrika und dem Nahen Osten. Und nach den ersten Enthauptungen von Amerikanern und Briten zeige die neueste Mordtat, dass auch kleine Satellitenverbände wie Jund al-Khalifa die IS-Ideologie tausende Kilometer vom Irak entfernt anwendeten. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Gedenkmarsch für  Hervé Gourdel im südfranzösischen Saint Martin Vesubie.
    foto: ap photo/bruno bebert)

    Gedenkmarsch für Hervé Gourdel im südfranzösischen Saint Martin Vesubie.

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