Vom Mord zum Selbstmord

25. September 2014, 17:18
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In "Thérèse Raquin" soll im Theater Scala das menschlich Böse ergründet werden

Wien - Mit seinem 1867 in Paris erschienenen Roman Thérèse Raquin wollte Émile Zola "die menschliche Bestie" in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellen. Seine Protagonisten sollten bewusst entmenschlicht und deren "tierische" Instinkte hervorgekehrt werden, er wollte "Temperamente und nicht Charaktere ergründen", wie er im Vorwort schreibt. Babett Arens inszeniert nun Zolas Darstellungen neu - Thérèse Raquin feierte in einer Bühnenfassung von Paris Kosmidis am Theater Scala seine Premiere.

Starrer Blick, steife Bewegungen und beklemmendes Schweigen: Die junge Thérèse fühlt sich in Gegenwart ihres Ehemannes sichtlich unwohl. Aufgebrochene Dielen des Wohnzimmers deuten auf eine verborgene innere Glut seiner Bewohner hin.

Die alte Madame Raquin hat ihre Nichte Thérèse aufgezogen und sie mit ihrem kindischen Sohn Camille verheiratet. Das Mädchen kannte nie ein anderes als ihr beengtes und leidenschaftsloses Leben bei ihrer Tante. Veränderung bringt eine Affäre mit Laurent, bei der sie verloren geglaubte Leidenschaft umso stärker auslebt. Das einzige Hindernis für die junge Liebe, Ehemann Camille, wird von den beiden aus dem Weg geschafft. Doch schnell entpuppt sich die neue Freiheit als Gefängnis aus Schuldgefühlen und Gewissensbissen. "Vergeben, Vergessen und einen ruhigen Schlaf" - der gemeinsame Selbstmord erscheint schließlich als die einzig wahre Erlösung. Zwar wirkt Arens' Inszenierung bemüht, Zolas Vorstellungen vom menschlich Bösen hervorzukehren, doch wird es lediglich angedeutet.

Während des Umbaus verdunkeln ins Publikum gerichtete Scheinwerfer das Geschehen - der Zuseher soll geblendet werden. Doch trotz dieses Kunstgriffs wird nicht klar, was es zu verblenden gibt. Die Darsteller tun sich kaum als Bestien hervor. So wirkt Johanna Elisabeth Rehm (in der Rolle der Thérèse) viel eher starr als instinktgeleitet; ihr Liebhaber Laurent (Christian Kainradl) hingegen scheint zu charakterschwach, um ihm einen Mord zutrauen zu können. Spannende Regiearbeit leistet hingegen die Musik: Fritz Rainer und Daniel Klemmer erzeugen die akustische Kulisse und "entmenschlichen" die Darsteller durch Sounds und Geräusche.

Alles in allem kann Émile Zolas Anspruch, die menschliche Bestie ergründen zu wollen, an diesem Abend nicht ganz verwirklicht werden. Doch wie sagt der Vater der ebenfalls ehebrecherischen Effi Briest: Das ist auch ein zu weites Feld. (lip, DER STANDARD, 26.9.2014)

  • Thérèse (Johanna E. Rehm) wird von ihrem Gewissen geplagt.
    foto: bettina frenzel

    Thérèse (Johanna E. Rehm) wird von ihrem Gewissen geplagt.

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